Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Nationalismus und Intoleranz
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 590 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationalismus und Intoleranz1) von Carlton J. Hayes Man hat kürzlich viel von „Rasse" gesprochen und geschrieben. Manches davon hat wissenschaftlichen Wert, aber sehr vieles, besonders das, was unter den eifrigsten Nationalisten die größte Verbreitung findet, ist in der Hauptsache wertlos. Wir wüsen bestimmt, daß es erbliche physische Unterschiede zwischen Weißen (Kaukasiern) und Schwarzen (Negern) und Gelben (Mongolen) gibt, aber niemand weiß positiv, worin, wenn überhaupt, Rassen sich in Bezug auf Verstandes- oder Geistesfähigkeit unterscheiden. Wir wissen bestimmt, daß man die Kaukasier in Rundköpfe (Alpine), in langköpf ige Blonde (Nordische) und langköpfige Brünette (Mittelländische) einteilen kann, aber niemand kann mit Sicherheit behaupten, daß diese „Rassen" „rein" sind oder daß die eine der anderen an geistiger Begabung überlegen ist. Wir wissen bestimmt, daß jede Nationalität einen gewissen Grad Rassenmischung darstellt, aber es ist mehr eine Hypothese als eine erwiesene Tatsache, daß eine besondere Rassenmischung größeres und besseres Gehirn erzeugt als eine andere Mischung. Es ist eine bloße Annahme, daß die Intelligenz einer Nationalität der. relativen Rassen rein heit proportional ist. Der Nationalist nun verschlingt pseudowissenschaftliche „Rassenlitsratur", — die, jedenfalls in Amerika, so reichlich vorhanden ist wie Frühstückssemmei — und bemerkt dann, daß er und seine Nationalität an einer furchtbaren Verdauungsstörung leidet; und akzeptiert gewöhnlich sowohl die Diagnose wie das J) In den nächsten Wochen wird unter dem Tilel „N ationalismus" der Neue Geiste Verlag, Leipzig, eine von Prof. Dr. N. Friedlaender vorgenommene Übersetzung eines sehr wertvollen amerikanischen Werkes herausbringen, das Carlton J. Hayes, Professor für Geschichte an der Columbia-University New York, zum Verfasser hat. Dank der freundlichen Erlaubnis des Verlages sind wir in der Lage, schon jetzt einen Abschnitt aus dem Werke unsern Lesern r.ur Kenntnis zu bringen. D. H. 590