Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 577 (sequence 11)
- Language
- German
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Jüdisch« Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert schmerzlich den Verkehr mit dem treuen Wegbereiter seiner Kunst, mit dem er wenigstens durch einen alsbald aufgenommenen Briefwechsel im Zusammenhang blieb. Um so größer und herzlicher war die Freude des Wiedersehens, als Hebbel im Juni 1862 Engländer in London besuchte: der mürrische Dichter war in hohem Grade befriedigt, denn er fand „ganz den alten Menschen von 18 46" wieder, den „tiefsinnigen, genialen Dichterinterpreten", mit dem er das erste ordentliche Gespräch seit vielen Jahren führen konnte; er erwähnt gerührt, daß Engländer und. seine Gattin sich förmlich für ihn aufgeopfert hätten, er weist bedeutsam darauf hin, wie der Freund, den die heimatliche reaktionäre Presse als „feigen und perfiden Gesellen" verunglimpft hatte, trotz äußeren Wohlseins sich als Verbannter nicht glücklich fühle. „Er schaudert vor dem Gedanken, in englischer Erde ruhen zu sollen", berichtet Hebbel von ihm. Während der letzten Epoche des Dichters durfte ihm Engländer wiederum als verständnisvoller kritischer Ratgeber dienen: Hebbel gesteht ihm dankbar, daß seine „Agnes Bernauer" ihm durch des Freundes Brief in eine ganz neue Beleuchtung gerückt sei, er ist auf sein Urteil über „Gyges" begierig; auf Hebbels Empfehlung hin — „ich stehe Ihnen für den Verfasser, mit dem ich seit i5 Jahren befreundet bin" — verlegte Campe eine von Engländer verfaßte „Geschichte der französischen Arbeiterassoziationen". Wie einst in mündlicher Unterhaltung wurden jetzt brieflich schwerwiegende ästhetische Probleme, wie der Begriff der sozialen Tragödie und die Frage des antiken Dramas, dessen Wiedererneuerung Hebbel ablehnte, diskutiert; die für seine künstlerische Entwicklung entscheidende Wendung von der metaphysischen Spekulation zu der realistischen Psychologie hat Hebbel auf diesem Wege dem Freunde offenbart Bis zu des Dichters jähem Hinscheiden blieb Siegmund Engländer der Vertraute seines Geistes. Abgesehen von ihm unterhielt Hebbel mit mehreren anderen jüdischen Freunden nahe Beziehungen. Wenig tief wurzelnd vermochte sein Verhältnis zu Moritz Saphir, der namentlich in der Revolutionszeit bei ihm weilte, zu sein, denn jener höchst witzige, aber sehr wenig charakterfeste Publizist war nicht aus dem Holze geschnitzt, um seinen Ansprüchen zu genügen.1) Von gegenseitiger Achtung war die Bekanntschaft mit dem edlen, von schwerem Mißgeschick heimgesuchten Dichter Hieronymus Lorm (eigentlich Heinrich Landesmann) erfüllt, und besonders herzlich gestaltete sich die Freund- 1) Immerhin hat Hebbel Saphirs humoristisches Talent sehr geschätzt; vergl. seine Besprechung von Saphirs Volkskalender- und Sylvesler-Büchlein. 577