Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 576 (sequence 10)
- Language
- German
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Fritz Friedlaender die fragt!" Die Religion der Väter bot dem wachgerüttelten Geschlechte keinen genügenden Halt mehr, so stürzte man sich kopfüber in die Gedankenwelt des deutschen Idealismus; wie Bamberg ist auch Engländer diesen Weg gegangen. Als Angehöriger einer gesellschaftlichen Schicht, die sich in einer wenig günstig gesinnten Umwelt erst ihre Stellung erkämpfen mußte, litt er an einem für solche Übergangszeiten typischen Wesenszwiespalt zwischen dem eigenen Werterlebnis und einem deprimierenden Minderwertigkeitsgefühl. Einer Natur wie Hebbel gegenüber fühlte er, dessen unbekanntes Jugendschicksal viel dazu beigetragen haben mag, sich doppelt entmutigt und er äußerte diese bittere Empfindung in drastischer Weise zu dem neidlos vergötterten Freunde: „Ihr Element ist die Luft mit Sonne, Mond und Sternen; das meinige der Sumpf mit Kröten, Fröschen, Schlangen und Molchen." Engländer entfaltete eine reiche kritische und publizistische Tätigkeit, an der Hebbel lebhaften Anteil nahm, indem er in der von Engländer herausgegebenen Zeitschrift „Der Salon" seine Novellen veröffentlichte und gemeinsam mit dem Freunde sich bei der Mitarbeit an der vorzüglichen, von Andreas Schumacher herausgegebenen Zeitschrift „Die Gegenwart" beteiligte; er suchte ihm auch dadurch gefällig zu sein, daß er ihn, freilich vergeblich, an den von Campe verlegten „Telegraphen" empfahl. Engländer wies immer wieder auf das dramatische Genie Hebbels, dessen vertrauten Umgang er fast täglich genoß, hin, so daß er in antisemitischer Weise von der klerikal-reaktionären Presse Wiens als „Apostel dieses neuen poetischen Messias" angegriffen wurde. Jedoch gerade das Gefühl, an der Nachtseite des Lebens zu stehen, trieb ihn, nach den Kränzen eigenen Dichterruhms zu greifen; hiermit überschritt er seine Grenze; denn Hebbel, der, hart gegen sich selbst, auch an seine besten Freunde strenge Anforderungen stellte, belehrte ihn über die dichterische Unzulänglichkeit des von ihm geplanten Romans „Der Egoist". Durch dieses schonungslose Freundesurteil wurde Engländer vollends aus dem Geleise geworfen; in seiner Ratlosigkeit beteiligte er sich an den revolutionären Umtrieben der Wiener Revolution von i848, die seiner verzweifelten Gemütsstimmimg entgegenkam, und sah nach dem Siege der Reaktion einem schlimmen Geschicke entgegen. Da zeigte Hebbel, daß er zwar in geistigen Dingen unerbittlich, jedoch in menschlichen voller Güte war: er nahm sich des Geächteten an, richtete ihn auf, verhalf ihm zur Freiheit und noch rechtzeitig zur Flucht Engländer wandte sich nach London und errang dort in zäher Arbeit eine hochgeachtete leitende Stellung in Reuters Telegraphenbüro. Hebbel entbehrte 576