Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 575 (sequence 9)
- Language
- German
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Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert lutionszeit suchte Hebbel eine direkte literarische Verbindung mit Bamberg herzustellen, indem er ihn um Mitteilung von Korrespondenzen für die neu zu gründende „österreichische Reichszeilung" bat; ein wenig enttauscht war er jedoch, als er den Freund, der ihn im Mai i855 während einer diplomatischen Mission in Wien besuchte, dem ästhetischen Interessenkreise entfremdet glaubte. Dabei litt freilich die gegenseitige Sympathie keine Einbuße, vielmehr wurde Bamberg einer der verdienstvollsten Herolde und Hüter des Hebbelschen Geistes, denn er war es, der nicht bloß in der „Allgemeinen deutschen Biographie" die erste Lebensbeschreibung entwarf, sondern namentlich durch die Ausgabe der Tagebücher und des Briefwechsels das deutsche Volk überhaupt erst in die Schatzkammern dieses Dichters und Denkens hineinführte. Als Hebbel nach dem jähen Abbruch seines italienischen Aufenthalts in Wien ankam, fest entschlossen, noch einmal und zum letzten Mal das Schicksal herauszufordern, da veröffentlichte Siegmund Engländer in dem „österreichischen Morgenblatte" einen weithin beachteten Aufsatz, in dem er mit dem Blicke des großen Kritikers Hebbel für „das bedeutendste dramatische Talent der Gegenwart" erklärte. Der also Gefeierte fand in jener Rezension „soviel Selbstgedachtes und Eigentümliches" enthalten, daß er im Widerspruch zu seiner schroffen und zurückhaltenden Art den Verfasser persönlich aufsuchte. Dieser wohlüberlegte Schritt des Dichters legte zu einem für beide Teile überaus fruchtbaren Freundschaftsbunde den Grund. Engländer empfing durch die persönliche Begegnung einen überwältigenden Eindruck von der Persönlichkeit Hebbels; sie erschien ihm wie ein Strahl, der in eine finstere Stube fällt In eingehenden Unterhaltungen sprachen der Dichter und sein Kritiker sich über die ästhetischen Formprobleme aus; das Ergebnis ihrer Erörterungen verwertete Engländer in einem anschließenden Aufsatze: hierin erkannte er in Hebbel bereits den Ahnherrn des modernen realistischen Dramas, das das Charakteristische über das eigentlich Schöne erhebt Hebbel schätzte in seinem geistvollen Bewunderer außerdem einen interessanten Typus der damaligen Intelligenz. Engländer ist seiner Herkunft und Entwicklung zufolge ein typischer Vertreter jenes jungen jüdischen Geschlechtes, das im Zeitalter der Emanzipation aufwuchs. Durch den Einsturz der Ghettomauern war zugleich die bisherige jüdische Lebensordnung ins Wanken geraten, so daß die Generation des schmerzlichen Übergangs innerlich unfertig und ungefestigt dem Zauber der modernen Kulturwelt gegenüberstand — „altkluger Weisheit voll und frühen Zweifels, mit einer großen Sehnsucht doch. 575