Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 572 (sequence 6)
- Language
- German
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Fritz Friedlaender die in dem düsteren Gemüte des cfl Verkannten tiefe Wurzeln schlug. Hebbel kostete inzwischen das seltene Glück aus, das das Gespräch mit einem ebenbürtigen Geiste gewährt, die hohe Achtung, die Heine seiner dichterischen Kraft zollte, tat seiner brennenden Ruhmbegierde wohl; im Hinblick auf ihr gegenseitiges Verhältnis stellt er mit sichtlicher Befriedigung fest, daß ein Genie gegen seinesgleichen immer gerecht sei. Ihr inniger Verkehr, der durch Heines Reisen nach Deutschland eine Unterbrechung erfahren hatte, wurde zu Beginn des neuen Jahres i844 wieder aufgenommen, litt jedoch ziemlich häufig unter Heines forlgesetzter Unpäßlichkeit, die wiederum Hebbels Ungeduld verschärfte. Aber nicht nur künstlerische Gegenstände, sondern auch praktische Angelegenheiten wurden bei ihren Zusammenkünften verhandelt: die leidige Honorarfrage gab ein weniger erwünschtes Gesprächsthema ab, wobei ihr gemeinsamer Verleger Campe keineswegs glimpflich davonkam; als Hebbel weiterhin die Zeitschrift „Telegraph für Deutschland" übernehmen sollte, suchte ihn Heine vergeblich zur Annahme zu bewegen. Nachdem Hebbel Paris verlassen hatte, verfolgte er mit reger Aufmerksamkeit das weitere Schicksal Heines, das bald darauf eine tragische Wendung nahm. Da Heines kritischer Scharfsinn seine künstlerische Eigenart in unvergleichlicher Weise erfaßt hatte, suchte er weiterhin das öffentliche oder auch nur private Urteil Heines über seine spätere dichterische Produktion zu erhalten. Leider konnte der schwerkranke Heine jenen wiederholt geäußerten Wunsch nicht in vollem Umfange befriedigen, jedoch in der bereits oben erwähnten Vorrede zu „De l'Allemagne" ergriff er die Gelegenheit, auf das dramatische Genie seines Freundes Hebbel wenigstens hinzuweisen und ihn als einen Geistesverwandten Kleists und Grabbes zu charakterisieren. Hebbel hatte aber in der dazwischenliegenden Zeit viel zu sehr an menschlicher Reife gewonnen, als daß dadurch seine Gesinnung verändert worden wäre, er zeigte im Gegenteil mitleidvolle und aufrichtige Teilnahme für das furchtbare Leiden des langsam sterbenden Freundes. Ihr gegenseitiges Verhältnis wurde von der Überzeugung getragen, daß Hebbel über die größte dramatische und Heine über die größte lyrische Begabung der Zeit verfüge. Es war Heine, der die erste Behauptung verkündet hatte, daher lag es Hebbel ob, die zweite These zu verfechten. Er tat es einmal in seiner tief schürfenden Rezension einer Neuauflage des „Buches der Lieder", sodann in dem schönen Aufsatze „Zur Anthologien-Literatur" (i854), in dem er die Behauptung, daß Lenau der größte Lyriker der Neuzeit sei, energisch zurückweist und diesen Titel nachdrücklich für Heine reklamiert. 572