Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 571 (sequence 5)
- Language
- German
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Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert verborgenen Zauber entbunden hatte. Wenn sich diese beiden genialen Naturen nun durchaus fanden und vorbehaltlos erschließen konnten, so lag es nicht zuletzt daran, daß sie bei aller Deutschheit ihres Wesens und dichterischen Vermögens völlig modern denkende Menschen waren, die sich in wohlverstandenem demokratischem Sinne von den Vorurteilen einer kastenmäßig regierten Welt losgesagt hatten. Hebbel hat selbst in seinen Briefen an Elise Lensing sowie in seinen Tagebuchaufzeichnungen die Anbahnung seines Freundschaftsverhältnisses mit Heine überaus anschaulich und packend geschildert. Heine empfing den von Campe empfohlenen jungen Dichter, der ihm bereits durch, seine Gedichte Anerkennung abgenötigt hatte, auf die herzlichste und liebenswürdigste Weise, so daß der rauhe und schwer zugängliche Hebbel vielleicht zu ersten Male das Glück, sich ebenbürtig verstanden zu sehen, in vollen Zügen genießen konnte. Dieses tiefe Glücksgefühl teilt sich auch den Worten mit, in denen er den Wert des neu gewonnenen Freundes zu bestimmen sucht: „Daß er Dichter ist, tiefer, wahrer Dichter, ein solcher, der sich nicht bloß auf gut Glück ins Meer taucht, um einige Perlen zu stehlen, sondern der unten bei den Feen und Nixen wohnt und über ihren Reichtum gebietet, das tritt aus seiner Gestalt, wie aus seiner Rede hervor." Hebbels empfindliches Selbstgefühl vermochte sich aber nicht damit zu begnügen, an Heine das dichterische Genie erkannt zu haben, er verlangte vielmehr von ihm, daß er seiner eigenen dichterischen Größe gleichfalls volle Gerechtigkeit widerfahren lasse; darum ging er bereitwillig auf Heines Bitte ein, ihm sein Drama „Judith" zur Lektüre zu übergeben, freilich machte er in seinem reizbaren Geltungsbedürfnis von dem zu erwartenden Urteil ihre weitere Beziehung abhängig. Sein fiebriger Ehrgeiz sollte überreichlich befriedigt werden, denn Heine gab dem entzückten Dichter eine derart begeisterte und treffende Schilderung seines Eindrucks, daß Hebbel ihm noch am- 18. Dezember i855 bekennen durfte: „Sie haben mir in Paris über die „Judith" einmal in einer halben Stunde mehr Tiefes gesagt, als alle deutschen Kritiker zusammen." Heine rühmte vor allem den realistischen Griff, den der dramatische Gestalter Hebbel mit Shakespeare, Kleist und Grabbe gemeinsam habe, er erklärte ihn für den bedeutendsten Dichter der jüngeren Generation und wollte in ihm einen Erneuerer der klassisch-romantischen Kunstperiode, deren Ende er oft verkündet hatte, sehen. Wie sehr Heine den Dichter der „Judith" schätzte, geht daraus hervor, daß er, der um die Vereinsamung des schöpferischen Menschen wußte, Hebbel eine noch schlimmere Einsamkeit als die Lessings voraussagte, eine Prophezeiung, 39 571