Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 570 (sequence 4)
- Language
- German
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Fritz Friedlaender hebliche Bedeutung bei, so daß er die in jener Hinsicht unzureichende Darstellung der Biographie Immermanns tadelte.1) Jedenfalls bedeutete der unerwartete Tod des bewunderten Gefährten für ihn eine ernste Mahnung, daß die Zeit jugendlicher Kämpfe und Hoffnungen endgültig verrauscht sei; diese wehmütige Empfindung ertönt in den ergreifenden Worten, die er nach Empfang der Todesnachricht an Heinrich Laube richtet: „Gestern Abend erfuhr ich durch das „Journal des Debats" ganz zufällig den Tod von Immerr mann. Ich habe die ganze Nacht durch geweint. Welch ein Unglück! Sie wissen, welche Bedeutung Immermann für mich hatte, dieser alte Waffenbruder, mit welchem ich zu gleicher Zeil in der Literatur aufgetreten, gleichsam Arm in Arm! Welch einen großen Dichter haben wir Deutschen verloren, ohne ihn jemals recht gekannt zu haben! Wir, ich meine Deutschland, die alte Rabenmutter! Und nicht bloß ein großer Dichter war er, sondern auch brav und ehrlich, und deshalb liebte ich ihn. Ich liege ganz darnieder vor Kummer. Vor etwa zwölf Tagen stand ich des Abends auf einem einsamen Felsen am Meer und sah den schönsten Sonnenuntergang und dachte an Immermann. Sonderbar!" Die Überzeugung, daß mit Immermann einer der besten deutschen Dramatiker hingegangen sei, behielt Heine auch bei, als ihm im September iS43 zu Paris ein anderes dramatisches Genie gegenübertrat, das durch die Kühnheil und Gedankenmacht seines Wesens die bisher feststehende Meinung Heines über die deutsche Literatur zu erschüttern vermochte: Friedrich Hebbel. Nach Entbehrungen schwerster Art war Hebbel, mit einem Stipendium des dänischen Königs ausgestattet, nach Paris geeilt, um hier die urwüchsige Kraft seines gärenden Wesens mit den Elementen einer uralten und überfeinerten Kultur zu sättigen; weltfremd, überreizt, argwöhnisch, noch wenig bekannt und dennoch von dem heiligen Glauben an die Macht seines Genius durchdrungen, begegnete er voller Erwartung dem berühmten und auch von ihm aufs höchste geschätzten Dichter seiner Nation. War wohl ein schärferer Gegensatz denkbar? Hier der aus „proletarischer" Niederung emporgedrungene Sohn der niederdeutschen Küste, der, unberührt von der intellektuellen Großstadtbildung, an der Überlieferung uralter deutscher Volkskraft teilhalte, dort der rheinische Jude, dessen poetische Kunst wiederum alle in den Tiefen des deutschen Gemüts x) Freilich hatte Gustav zu Putlitz seinen Briefwechsel mit Immermann für sein Werk von ihm vergeblich verlangt, denn die betreffenden Schriftstücke waren bei dem Hamburger Brande größtenteils vernichtet worden. 570