Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Blutsbindung und Staatsbewußtsein im Werden des römischen Volkes
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 564 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895482-2899407--03263-2899488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hermann Funke einmal der ganze Kampf, in dem der Wille zur Staatseinheit schließlich Sieger blieb. Mit dem licinischen Gesetz war die Kluft zwischen Plebejern und Patriziern im ganzen beseitigt. Konsulat und Senat, die nun auch plebejische Elemente enthielten, und die Volkstribunen auf der anderen Seite standen sich nun nicht mehr als die Vertreter zweier Stämme gegenüber. Und Ehen zwischen beiden Ständen z. B., an sich schon vorher erlaubt, verloren nun alles Bedenkliche. Sie bedeuteten keine Schmälerung des sozialen Ansehens für den patrizischen Teil bei der Gleichberechtigung beider Stämme. In den inneren Kämpfen der späteren Jahrhunderte, beginnend vor allem mit Marius, findet sich keine Spur mehr von dem alten Gegensatz zwischen Patriziern und Plebejern. Der Nobilität beispielsweise, dem Amtsadel, der in seiner strengen Exklusivität häufig als politische Partei den andern gegenübersteht, gehören beide Stände ohne Unterschied an. Das Werden eines einheitlichen römischen Volkes vollzieht sich also im wesentlichen im Jahrhundert nach der Vertreibung der Könige, dem Zeitraum, den wir betrachteten. Wie ist diese Entwicklung zu bewerten? Die rassenkundl iche Geschichtsschreibung sagt*): Daß die Schranken zwischen beiden Ständen fielen, war Roms Unglück, war schon der Beginn des Verfalls. Wir hingegen sagen: Gerade das war eine Hauptbedingung für Roms Größe. Mit den wenigen Patriziergeschlechtern allein konnte die Welt nicht erobert werden. Und die Plebejer waren, wie wir sahen, nur dann ohne Einschränkung für den Staat zu gewinnen, wenn alles fortfiel, was sie daran erinnerte, daß sie einmal Fremde gewesen waren. Und daß sie nicht nur einen numerischen Gewinn für Rom bedeuteten, beweisen die vielen Männer plebejischer Abstammung, die den Staat später aus schwierigen Lagen retteten. Weil nun dieses Zusammenwachsen der beiden Stände zu einer Einheit so entscheidend war für Roms Zukunft, machten wir es zum Gegenstand unserer Untersuchung. Nicht alles, was uns aus jenem 5. vorchristlichen Jahrhundert überliefert wird, ist unbedingt zuverlässig; gewiß ist in diesem oder jenem eher eine spätere künstlerische Gestaltung der damaligen Zeitprobleme als wirkliche Begebenheit zu sehen, aber an den Zeitproblemen selbst und der Art, wie man sie löste, ist nicht zu zweifeln.!) Immer unter der zumindest auf Übertreibung beruhenden Voraussetzung, die Patrizier seien rein nordisch, die Pleberjer alle andersrassig gewesen. 564