Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Blutsbindung und Staatsbewußtsein im Werden des römischen Volkes
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 565 (sequence 10)
- Language
- German
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Blutsbindung und Staatsbewußtsein im Werden des römischen Volkes Was war nun das Ausschlaggebende dabei? Wir sahen: Es war nicht das Verdienst einer Rasse, eines Stammes oder überhaupt eines einzelnen Bevölkerungsteils, es beruhte auf dem Zusammenwirken aller: Die Plebejer wollen Klarheit über ihr Verhältnis zum Staat. Um ihn immer mehr als den ihren ansehen zu können, verlangen sie Rechte. Aber indem sie diese Schritt für Schritt geltend machen, gefährden sie nie den Bestand des Staats. Wie sollten sie das zerstören, an dem sie Anteil haben wollen? Die Plebejer als die Fordernden sind also die eigentlich treibende Kraft. Aber das Verdienst der Patrizier ist dabei, daß sie am Ende doch lieber einen wachsenden Staat wollen als die Erhaltung von Vorrechten. Soll aus einer Gebietsbevölkerung ein Volk werden, müssen andere Bindungen bis zu einem gewissen Grade aufgegeben werden. Rassengeist und Volksgeist schließen sich hier aus. Dionysius von Halicarnaß, im Altertum wohl der beste Kenner der ältesten römischen Geschichte, sagt an einer Stelle (ich übersetze aus dem Griechischen) 1:) „Sie (die Römer) erhoben sich aus dem kleinsten und unbedeutendsten Volke zu dem größten und ruhmreichsten, und zwar dadurch, daß sie heimatlose Völker freundlich bei sich aufnahmen, tapfern, im Kriege besiegten Männern das Bürgerrecht erteilten . . . und keinen verschmähten, sofern er nur geeignet war, dem-gemeinen Wohl zu dienen." Das war in der Tat das Entscheidende: Jeder, der sich zu dem Gemeinwesen hingezogen fühlte und mitarbeiten wollte, war willkommen. Und andererseits: Für die, welche nicht das gleiche Streben vereinte, ob fremd oder einheimisch, war kein Platz. Entweder gingen sie freiwillig (die Überläufer zu den Etruskern nach der Vertreibung des Tarquinius) oder man zwang sie zu gehen (Coriolan). So fanden sich von Menschen verschiedener Abstammung die Geeigneten zusammen. „Nordische Menschen kamen nach Italien, unterwarfen die anderen und gründeten das Römerreich." So sagt das völkische Rassendogma, als ob nur die Anwesenheit der nordischen Rasse nötig gewesen wäre. So leicht werden keine großen Reiche „gegründet". Auf das Streben nach einer Willens- und Arbeitsgemeinschaft, die sich über die primitiven Bindungen des Standes, der Rasse, des Stammes erhob, kam es an, und siegen konnte dieses Streben, wie wir zu zeigen versuchten, x) Die „Römische Urgeschichte" des Dionys bildete die Hauptquelle für diese Ausführungen. 565 I