Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Blutsbindung und Staatsbewußtsein im Werden des römischen Volkes
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 563 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895482-2899407--03262-2899487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Blutebmdung und Staatsbewußtsein im Werden des römischen Volkes Antrag, bis ihnen im Jahre 454 nachgegeben wurde. Und 451 erhielten die Gesetze, -welche die Zehnerkommission, die Dezemvirn, ausgearbeitet hatten, die Bestätigung von Senat und Volk. In den Jahren des Kampfes war es vor allem der Konsul und Diktator Cincinnatus gewesen, der durch straffe und unparteiische Amtsführung die Unhaltbarkeit des Zustandes wenigstens vorübergehend hatte vergessen lassen. Und solche Männer waren auch für die Zukunft nötig. Wenn auch die früheren Gewaltsamkeiten, eben durch die neugeschaffene Ordnung, aufhörten: Der Kampf der beiden Stände ging auch jetzt weiter. Die Einsetzung der Volkstribunen, die gemeinschaftliche Gesetzgebung — alles war nur Etappe, Etappe zu dem einen Endziel der völligen Gleichberechtigung mit den Patriziern. Dann erst würden so bewußte Staatsbürger wie die Plebejer sich imstande fühlen, den römischen Staat ganz als den ihren zu betrachten und sich ihm ohne Einschränkung hinzugeben. Zur Gleichberechtigung fehlte den Plebejern jetzt vor allem noch die Zulassung zum höchsten Staatsamt, dem des Konsul. Und dieser war nicht nur der höchste Staatsbeamte: Die gewesenen Konsuln gaben auch im Senat, der eigentlich regierenden Körperschaft, den Ausschlag. Ein maßgebender Anteil an der Staatsverwaltung war darum für die Plebejer nur durch die Berechtigung zum Konsulat zu gewinnen. Erst im Jahre 377 — wir überspringen den dazwischenliegenden Zeitraum — wurde ein derartiger Antrag eingebracht: Von den beiden Konsuln^ die jährlich gewählt wurden, sollte einer jeweils plebejischer Abstammung sein. Krisen wie der Einfall der Gallier, deren man eben nur mit Einsatz aller verfügbaren Kräfte hatte Herr werden können, waren nötig gewesen, ehe diese Forderung mit Nachdruck vertreten wurde. Und erst nach dem letzten entscheidenden Sieg über die Gallier (367) wurde der Antrag, der schon zehn Jahre zurücklag, Gesetz. Marcus Furius Camillus, mit dem Ehrennamen eines zweiten Romulus, der den siegreichen Widerstand gegen die Gallier organisiert hatte, setzte das bei seiner Heimkehr durch. Nachdem er der äußeren Gefahr Herr geworden war, machte er so auch dem inneren Kampf ein Ende. Lex Licinia hieß das neue Gesetz, nach Licinius, der es zuerst beantragt hatte. Camillus, dem man es zu danken hatte, war nicht von jeher plebejerfreundlich gewesen. Die Volksversammlung hatte ihn sogar vor Jahren einmal in Strafe genommen. In der Persönlichkeit des Friedensstifters symbolisiert sich noch 563