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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 552

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Rassentheorie und Geschichtsdeutung
Date
1929-02-01
Page
552 (sequence 11)
Language
German
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Michael Müller-Claudius rangen an den Gegenwartsmenschen als Rasseträger zugespitzt werden konnte. Aber gerade dieses vom Rassenbegriff her aufs strengste vereinigte und geschlossene Weltbild, in dem alles Geschehen mit leidenschaftlicher Bezwingung auf die abgeleiteten Rassenwerte projiziert war, mußte dem elementaren, d. h. einheitliche Deutung suchenden historischen Bedürfnis entgegenkommen. Hierauf beruht das rasche Tempo, in dem die rassengeschichtlichcn Deutungen des Weltbildes volkstümlich wurden. Als wesentliche Hilfe kam diesem Eindringen des Rassenbegriffes in die Geschichte ein Doppeltes zu statten: Erstens: Die naturwissenschaftliche Herkunft des Rassenbegriffes. Das naturwissenschaftliche Denken ist im volkstümlichen Ansehen durchaus autoritativ. Daß aber der Rassenbegriff in seiner historisch-werthaft-ethischen Anwendung eine Grenzüberschreitung durchmacht, die in keiner Weise erkenntniskritiscb gesichert ist, und daß dadurch das präzise Wissenschaftliche, das jenseits aller Wertung liegt, sich völlig verflüchtigte, wurde weder im volkstümlichen Denken, noch auch in den Kreisen der Geschichtswissenschaft empfunden. Denn hier wie da ist die erkenntniskritische Besinnung überhaupt gering, ihre Notwendigkeit wurde übersehen in dem Gefühl der Genugtuung über das große autoritative, in der exakten Naturwissenschaft verankerte Rassenprinzip, das auf einmal die Welt sehr konkret in einem neuen, einheitlichen Licht erscheinen ließ, dessen vitaler Reiz noch dadurch erhöht wurde, daß es ein Kampflicht war, mit dem man auch die großen politischen Tummelplätze in ganz neue, überraschende Licht- und Schattengruppierungen versetzen konnte. Zweitens: Die fruchtbare Verwendung des Rassenbegriffes auf einem speziellen historischen Gebiet, dem der Archäologie, die die großen in. vielen Wellen beschrittenen Wege der nordischen Rasse bis nach dem Mittelmeergebiet und Indien nachweist (Kossina, Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft; Schuchhardt, Alteuropa). Von hier aus waren dem Rassenbegriff viele Wege bis in die historischen Seminare geebnet; man begann, ihn in das gesamte Geschichtsbild konstruktiv hineinzuarbeiten. 7- Hier aber wird die ganze Problematik der anthropologisch orientier!en Geschichtsschreibung offenbar. Solange Rassen Träger geschichtlicher Bewegungen sind, solange sind sie auch vom historischen Standpunkt legitime 552

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