Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Rassentheorie und Geschichtsdeutung
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 554 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Müller-Claudius wußtsem der Zeit lassen wir so Gestalt und Gegengestait kämpfen, bis die stärkere siegt, und die stärkere ist die wahrhaftigere, denn sie allein kann sich deutend einschmiegen in den Rhythmus der Geschehnisse, die sich an uns, mit uns, durch uns vollziehen und in das Morgen münden wollen, und darum kann sie diesen großen Rhythmus am intensivsten fühlbar machen. Ihn zu sehen, gesammelt im Brennspiegel der Geschichte, ist aber der letzte Sinn alles geschichtlichen Interesses. Wir leugnen nicht die Notwendigkeit streng fundierter Kritik an dem rassisch-völkischen Geschichtsauf bau, aber der zweite Schritt, der getan werden muß, ist der, daß diese Kritik in einem neuen Geschichtsauf bau synthetisch ausgewertet werde, denn wirksam im Öffentlichen Bewußtsein wird alle Kritik nicht als solche, in ihrer analytischen Funktion, sondern in der Gestalterneuerung, die sich gegen die kritisierte Gestaltung weithin sichtbar, kämpfend, verdrängend, werbend und ihre Stoßkraft erweisend erhebt. Es darf daher als eine organische Folge der vorzüglichen kritischen Arbeiten von Herz (Kultur und Rasse), Goldstein (Rasse und Politik; Deutsch-völkische Idee und deutsche Volksidee) und andererseits von Merkenschlager (Götter, Helden und Günther) betrachtet werden, wenn der „Morgen" einer Reihe von vorsichtigen, sachlichen, bewußt im Rahmen der Historie bleibenden Essais seine Spalten öffnet, in denen die Überwindung der rassischen Geschichtsorientierung sichtbar gemacht wird und in denen der Rassenbegriff eine neue, an dem historischen Material Wort um Wort streng erwiesene Deutung erfährt. Dabei ist diese erste Folge von drei Arbeiten dem Gebiet der griechischen und römischen Geschichte entnommen, damit von vornherein jede Möglichkeit tendenziöser Interpretation ausgeschlossen bleibe. Es soll hier der Beweis — nicht nur kritisch, sondern alsbald in der methodischen Anwendung und Durchführung — erbracht werden, daß die Deutung der Menschengeschichte von der rassischen Orientierung her nicht die organisch letzte ist, sondern daß sie ü b e r w i n d b a r ist durch eine andere, umfassendere Deutung, die den Prozeß der Geschichtsbildung in wesentlichen Momenten erfaßt und ersichtlich macht, die der bisherigen Anwendung des Rassengedankens unzugänglich waren. In dieser synthetischen Verdeutlichung der Unzulänglichkeit des Rassenbegriffes liegt eine Aufgabe von weittragender Wichtigkeit. Und es darf mit Dank an den Herausgeber des „Morgen" betont werden, daß mit diesem Versuch einer neuen Deutung des rassischen Elementes nicht 554