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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 550

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Rassentheorie und Geschichtsdeutung
Date
1929-02-01
Page
550 (sequence 9)
Language
German
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Michael Müller-Claudius ohne über die Grundbegriffe der Erblichkeitsforschung wie Idiotypus, Paratypus, Idiophorie, Idiokinese, Parakinese, Selektion, Domestikation hinreichend informiert zu sein. (Viel zu wenig bekannt ist die wohlfeile, in jeder Zeile verantwortungsvoll-sachliche Schrift von Eugen Fischer: Rasse und Rassenentstehung beim Menschen, Ullstein-Verlag, Berlin.) Fruchtbare Arbeit in der sehr notwendigen Auseinandersetzung mit der angewandten Rassenlehre wird nur geleistet werden, wenn man die Grenzen der Rassenkunde und der Kunde vom Überrassischen nicht fortzuinterpretieren sucht, sondern sie scharf zu sehen und innezuhalten weiß, wobei auf die treffliche Definition H. Friedenthals in seiner „Menschheitskunde" verwiesen sei: „Wenn man unter Anthropologie oder Menschenkunde verstehen will die Lehre von der Verschiedenheit der Menschen, so hat demgegenüber die Menschheitskunde die Aufgabe, darüber hinaus alles zu sammeln, zu ordnen und zusammenzufügen, was allen Menschen gemeinsam ist als notwendige Folge ihrer Bluts- und Geistesverwandtschaft. 5. Im Sinne dieser Unterscheidung ist Geschichtsschreibung in allen ihren großen Traditionen Menschheitskunde gewesen, und es ist zweifellos, daß die deutsche Geschichtsschreibung an dieser großen Tradition entscheidenden und schöpferischen Anteil hat. Das Bloßlegen der Grundkräfte menschlicher Geschichte, die Emporbildung dieser Grundkräfte zur reifsten Reinheit der Humanität, das ist die tragende Idee in Winkelmanns Geschichte der Kunst des Altertums, ist die Sammlung aller Gläubigkeit eines religiösen Genies in Lessings „Erziehung des Menschengeschlechtes" und regiert nicht minder die feierliche Geschichtsschau Herders, deren Erben im Grunde noch Ranke und Nietzsche sind. Für beide ist Geschichte nicht Wissen um Gewesenes, sondern Erkenntnis des Menschenwertes und Sinndeutung des Individuums aus der Verhaftung des Einzelnen in dem geschichtlichen Kosmos. Was Ranke wollte, war „die Mär der Weltgeschichte aufzufinden, jenen Gang der Begebenheiten und Entwicklungen unseres Geschlechtes, der als ihr eigentlicher Inhalt, als ihre Mitte und ihr Wesen anzusehen ist". Und mit verschärfter Wendung zum Psychologischen wertet Nietzsche die Historie: „Die unmittelbare Selbstbeobachtung reicht lange nicht aus, um sich kennenzulernen: wir brauchen Geschichte, denn die Vergangenheit strömt in hundert Wellen in uns fort. Wir selber sind ja nichts als das, was wir in jedem Augenblick von diesem Fortströmen 550

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