Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Rassentheorie und Geschichtsdeutung
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 548 (sequence 7)
- Language
- German
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Michael Müller^CIaudius Er sieht in der Zerschlagung der Geschichte in Fachwissenschaften verschiedener Gebiete und in der ausschließlichen Orientierung der modernen europäischen Geschichte aufs Politisch-Diplomatisch-Militärische hin eine „Zersplitterung und Entleerung des historischen Bildes". Allein „die Begriffe von den historischen Werten der europäischen Kultur haben sich in Wahrheit seit langem von innen heraus gewandelt. Eine ungeheure Sehnsucht nach Zusammenfassung des historischen Lebens zu einheitlichen Kräften und Zielen, nach einer gegenseitigen Durchdringung der historischen Werte zu einem geistigen und lebendigen Ganzen ist sehr begreiflicherweise gegenüber solcher Zersplitterung und Entleerung des historischen Weltbildes entstanden". Diese Sätze sind vor 10 Jahren geschrieben. Aber die unerfüllte Sehnsucht nach der Zusammenfassung des historischen Lebens zu einheitlichen Kräften und Zielen ist heute wie damals kennzeichnend für die Krisis der Historie — und die Richtung ihrer Lösung. Wir haben weit ausholen müssen. Allein: die Problematik der Geschichtsschreibung überhaupt und die heutige Krisis der Historie müssen bis zu diesem Punkt zusammengeschaut werden, wenn man irgendetwas Zuverlässiges über die Tragweite des Eindringens gewisser Rassentheorien in die Methodik der Geschichtsgestaltung feststellen will. 4. Der Rassenbegriff ist von sich aus geschichtsfremd. Er ist rein naturwissenschaftlichen Ursprunges und, soweit er Anwendung auf die Erforschung des Menschen findet, anthropologischer (oder in der schärferen Fassung R. Marlins: anthropographischer) Art Er hat auch insbesondere zur Psychologie gar keine Beziehung. Er ist rein physiologisch orientiert Erst aus der Grundauffassung des Menschen als einer psychophysischen Einheit erwächst ihm die theoretische Legitimation, die rassischen Varietäten der Menschheit auch auf ihre psychischen Differenzen hin zu charakterisieren — ein Unterfangen, das die Grenzen der exakten Naturwissenschaften, innerhalb deren der Rassenbegriff erwachsen ist und innerhalb deren er deshalb allein wissenschaftlichorganische Gültigkeit besitzt, bei weitem überschreitet Die Anwendung des Rassenbegriffes auf das psychologische Gebiet ist in ihrer Fragwürdigkeit wiederholt scharf und zutreffend kritisiert worden (vgl. Julius Goldstein: „Sind Rasseneigenschaften feststellbar?" in „Rasse und Politik"), und die Anthropologie, soweit sie nicht tendenziös oder menschlich-alizu-populär aus- 548