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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 547

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Rassentheorie und Geschichtsdeutung
Date
1929-02-01
Page
547 (sequence 6)
Language
German
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Rassentheorie und Geschichtsdeutung Auch Ranke lehnt mit aller Bestimmtheit — gegen Fichte — die Methode ab, „apriorische Gedanken" — insbesondere den des Fortschritts — in der Historie „wiederzusuchen". Aber wenn er „in dem Zusammenhang der großen Geschichte etwas vorzugsweise Heiliges verehrt" (Alfred Dove), und wenn er in den Vorträgen über die Epochen der neueren Geschichte das wundervoll schlichte Wort spricht: „Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott" und daran die Folgerung schließt, der Wert jeder Epoche beruhe gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgehe., sondern „in ihrer Existenz selbst, in ihrem eigenen Selbst", so wird ersichtlich., wie tief-innerlich seine Methode des geschichtlichen Begreifens bestimmt ist vom religiösen Moment her. Er konnte leidenschaftslos Geschichte schreiben, weil er nicht den Sinn der Geschichte suchte, sondern ihn gesehen hatte, ehe er Geschichte schrieb, und dieser Sinn war das Göttliche, in dessen Licht — und in dessen majestätischem Dunkel er sich immer stehen wußte: „Vom Standpunkt der göttlichen Idee kann ich mir die Sache nicht anders denken, als daß die Menschheit eine unendliche Mannigfaltigkeit von Entwicklungen in sich birgt, welche nach und nach zum Vorschein kommen, und zwar nach Gesetzen, die uns unbekannt sind, geheimnisvoller und größer als man denkt." 3. Daß Geschichtsschreibung Deutung des wertsetzenden Geistes ist, kann nicht sinnfälliger aufgezeigt werden als dadurch, daß jede Kulturkrisis, die stets eine Entrechtung alter Werte und eine kampfhafte Rechtsfindung und Rechtsbindung neuer Werte ist, sich mit scharfer Kongruenz in einer Krisis der Historie spiegelt, wobei nach dem im i. Abschnitt Gesagten diese Spiegelung kaum in der Zone der rein fachwissenschaf tlich-sammelnden, vollkommen aber in der Zone der gestaltend-deutenden Historie geschieht. Dieser Sachverhalt ist auf das hellste beleuchtet worden von Ernst Troeltsch in dem leider unvollendeten Werk über den Historismus und seine Probleme. Ernst Troeltsch zeigt im ersten Kapitel über die heutige Krisis der Historie, daß auf dem Gebiet der Geschichtsforschung nicht die Rede von einer wirklichen Krisis sein könne, um so stärker aber sieht er sie „in den allgemeinen philosophischen Grundlagen und Elementen des historischen Denkens, in der Auffassung der historischen Werte, von denen aus wir den Zusammenhang der Geschichte za denken und zu konstruieren haben'". 547

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