Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Rassentheorie und Geschichtsdeutung
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 546 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Müller-Claudius heit gerichtet hält. Der Historiker wird das Einzelne nur relativ, zeitlich-gültig, nie at>er in seinem endgültigen Wert erkennen, wenn er nicht die Wesensgestalt der geschichtlichen Menschheit bereits in seiner Intuition einheitlich-sinnhaft trägt. Es ist deshalb ganz folgerichtig und muß in diesem Sinne verstanden werden, wenn Spengler an einem Einschnitt seiner Programmentwicklung scharf betont: „Das ist es, was gesehen sein will, nicht mit den Augen des Parteimannes, des Ideologen, des unzeitgemäßen Moralisten, aus dem Winkel irgendeines „Standpunktes" heraus, sondern aus zeitloser Höhe, den Blick auf die historische Formenwelt von Jahrtausenden gerichtet — wenn man wirklich die große Krisis der Gegenwart begreifen will." Freilich, man kann skeptisch-vorsichtig von vornherein jede fachhistorische Grenzüberschreitung ablehnen. Man kann zweifeln, ob allgemeine Gesetze, wofern sie überhaupt in der Geschichte walten, unserer Erfahrung zugänglich seien und sich mit Friedrich Meinecke also bescheiden: „Hier und da glaubt man wohl ein Stück, wenn nicht von allgemeinen Gesetzen, so doch von allgemeinen Tendenzen zu erhaschen und ähnliche Grundzüge und Entwicklungsstufen aller oder doch vieler Nationen wahrzunehmen, aber bei strengerer Prüfung hat jede Nation wieder eine ganz individuelle und eigene Seite. Und mag die allgemeine Gesellschaftswissenschaft versuchen, das Typische und Generelle im Wesen der Nationen soviel wie möglich herauszuholen, so wird es den eigentlichen Historiker mehr drängen, das Eigentümliche der Einzelnation so treu und fein wie möglich zu beobachten." Allein diese Beobachtung, wofern sie nicht unverbundene Material- und Quellensammlung sein will, ist nur möglich in dem Koordinatensystem einer deutenden Wertordnung; denn schon der Entwicklungsbegriff bezeichnet nicht nur einen Wert, sondern er ist selber bereits ein geronnenes Wertsystem. Und wenn Ranke in Anspruch genommen wird als Vorbild der leidenschaftslosesten, schlechthin objektiven Geschichtsschreibung, so ist doch eben diese leidenschaftslose und darum unerschütterlich-souveräne Geschichtsschau ihm zutiefst nur möglich gewesen, nicht weil er ohne Wertsystem in den Strom der Geschichte eintauchte, sondern weil er bei aller Versenkung in das Individuelle und Einmalige nie die Krone des festesten — und darum in seiner Wirkung ihm völlig unbewußt gebliebenen — Wertsystems ablegte: die der reinsten und ehrerbietigsten Religiosität. 546