Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Rassentheorie und Geschichtsdeutung
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 544 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Müller-Claudios Sehnsüchte und Ideen, beim ersten Lautvverden nicht mehr Gewicht in sich tragend, als tausend philosophisch leise Gespräche sonst, sehen wir um sich greifen, plötzlich, wir sehen, wie ihnen erschrocken gewehrt wird, und wiederum, wie sie mit verzückter Hoffnung ergriffen werden, wir sehen 6ie in den Kampf gestellt zwischen Aufruf und Protest — und sehen, wie sie damit reale, motorische Kräfte werden, Vorformungen der großen Verwandlungen, unter deren Gewalt allein der Menschengeist Neuland der Geschichte betreten zu dürfen scheint . . . Und dies alles sehen wir so, als gäbe es keine Lücken des Materials. Wir sehen es in der großen Bahn der Einheit und Ganzheit des Menschen- und Völkerweges. Und hier erst, in dieser Schau von Einheit und Ganzheit, in der allein der Menschensinn den Glauben und den Sinn des zwischen dem Gestern und dem Morgen schreitenden Lebens gewährleistet sieht, hier erst ist das elementare geschichtliche Bedürfnis befriedigt. Allein keine Gestaltung könnte sich zu diesem sinnhaften Z u - sammenschauen erheben, wenn nicht in sie zugleich eine dritte und entscheidende Aktivität des erkennenden Menschengeistes verflochten wäre: die Tat der Deutung. Denn was die heraufbeschworene Gestalt der Menschheit, die gewesen ist, mit uns verbindet, die wir sind, ja was allererst bewirkt, daß wir sie heraufbeschworen sehen wollen, ist dies, daß in ihr das Vergängliche zum unvergänglichen Gleichnis gedeutet erscheint, daß das tote Gestern als ein Symbol des Sollens und Müssens überzeitlich wieder aufersteht, daß die Slimme der menschlichen Verpflichtungen aus ihren Gräbern und Denkmalen hörbar geblieben ist und sich vermischt mit den Stimmen der Gegenwart zur Deutung aller Pflicht und aller Verantwortungsmühe als eines überpersönlichen und überzeitlichen Gesetzeszusammenhanges. Das Ethos vergangener Zeiten ist uns schlechthin unverständlich — und also jeder geschichtlichen Betrachtung und Gestallung so ganz und gar entzogen wie eine Schrifttafel, deren Zeichen wir nicht entziffern können — wenn wir es nicht als teilhaftig deuten können an dem Wertbau des menschlichen Gewissens überhaupt. Das Faktum an sich ist stumm. Es gesteht von sich aus nichts über seine geschichtliche Kraft und Unkraft, über seinen Wert und Unwert. Beredt wird es erst durch den ordnenden Geist, aber der Geist ordnet nur, indem er — wert- 544