Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Rassentheorie und Geschichtsdeutung
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 543 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Müller-Claudius: Rassentheorie und Geschichtsdeutung 6amtreihe der geschichtlichen Tatsachen, in der und durch die allein sie eine lebendige Funktion auszuüben vermochte. Deshalb ist Vollständigkeit des Materials eine — freilich ideale — Grundforderung der Geschichtswissenschaft, Vervollständigung eine Tätigkeit, die der Forschung einen Sinn gibt, der weit oberhalb des bloßen Sammeltriebes liegt. Allein das elementare „historische Bedürfnis" ist keineswegs auf jene mühselige, in entsagungsvoller Arbeit aufgebaute Buchhalterei des Menschengeschlechtes gerichtet. Man muß unterscheiden zwischen dem elementaren historischen Bedürfnis, das nicht das Gewesene wissen, sondern sinnhaft gesichert erfühlen, erschauen, miterleben, miterleiden will, um irgendwie das eigene Ich in der Verhaftung des historisch Gegebenen zuverlässiger erkennen, abgrenzen und bestimmen zu können — und dem irgendwie sublimierten historischen Bedürfnis des spezifischen Forschers, der eben gerade den — stets affektiven — Zusammenprall des Individuums mit den Wertgütern der Geschichte aufgibt, und der unterhalb der klingenden Zone des in die geschichtlichen Kräfte hineinvibrierenden, schauenden, ahnenden, mitleidenden und dadurch dichtend-gestaltenden Menschenherzens nach dem reinen, objektiven, nur für sich und in sich gültigen Tatsächlichen sucht. Geschichtsschreibung steht nur solange und insofern im lebendigen Zusammenhang der schöpferischen und Menschen formenden Kultur, als sie sich dem elementaren geschichtlichen Bedürfnis der jeweiligen Generation öffnet und es mit Schau und Wert erfüllt. Der große Geschichtsschreiber muß deshalb aus dem Kreise der Forschung heraustreten, deren Arbeit nur dem Materialbestand des Geschehenen gilt, er muß eintreten in den Bezirk der Gestalter, und er wird so mit der grundlegenden die zweite, erfüllende Funktion der Geschichtsschreibung verbinden: Er erst gestaltet aus dem rational gewonnenen und gereinigten, aber stets lückenhaften Gewißheitsbestand der Historie mit den irrationalschöpferischen Aufbaukräften seiner Gesamtpersönlichkeit ein Totalbild der Geschichte, ihrer Hintergründe, ihrer Genien, ihrer chaotischen oder organisch eich entwickelnden Tendenzen, ihres Glückes und ihres Unglücks, des Lachens und Verzweifeins, des Sehnens und Glaubens der Menschen in den Völkern und Zeiten; er sieht nicht nur die Epochen, sondern gleichsam aus ihnen heraus, und damit erst läßt er uns die innere Spannung der Weltgeschichte miterleben; die leisen, in schmalen Schichten beginnenden Erschütterungen sehen wir wachsen bis zu den großen, alles aufreißenden Katastrophen — und 543