Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Rassentheorie und Geschichtsdeutung
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 542 (sequence 1)
- Language
- German
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Rassentheorie und Geschichtsdeutung. Von Michael Müller-Claudius» Wer eine Darstellung der „Geschichte der Geschichtsschreibung" des letzten Jahrzehnts in Deutschland geben wollte, müßte als wesentliches Merkmal verzeichnen, daß in zunehmendem Maße gewisse Rassentheorien in die Geschichtsschreibung eingedrungen und zu konstruktiven Elementen der Geschichlsgestaltung geworden sind. Wir halten es für nötig, dieser neuesten Wendung und „Eroberung" des Rassenwahnes rechtzeitig entgegenzutreten. Der Aufsatz von Müller-Claud'us zeigt in weitausholender und kritischer Weise die geschichtsphilosophischen Zusammenhänge auf, die das Eindringen der Rassentheorie in die Geschichtsmethodik wirksam begünstigen, während der Aufsatz von H. Funke an einem markanten Beispiel dartut, daß die rassendogmatische Geschichtsschreibung wesentlichste welthistorische Bewegungen gar nicht zu erfassen vermag, insbesondere den Prozeß der Volkwerdung und daß sie auf dem besten Wege ist, „Irrtümer zu ewigen Gesetzen zu erheben". — Der Aufsatz von Funke ist auch ohne den ersten mehr prinzipiellen und daher schwierigen Aufsatz verständlich. — Weitere Beiträge zu diesem Thema werden folgen. D.H. Alle Geschichtsschreibung entspringt einer dreifachen Aktivität des menschlichen Geistes. Die erste Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist die, wiederzufinden, was gewesen und geschehen ist, Quellen der Vergangenheit aufzudecken, die historischen Tatsachen aus dem Legendenkleid zu hüllen und sie aus dem Zwielicht des Glaubens und Vermutens ins scharfe Licht des methodologisch gerechtfertigten Wissens zu rücken. Aber auch die Gewinnung der „Tatsache" in ihrer widerspruchsfreien Reinheit ist nur ein vorläufiges Erkenntnisamt. Denn der Wirkungswert einer Tatsache wird erst sichtbar, wenn sie zum mindesten eingerückt ist in die Ge- 542