Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 536 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Jacob und sie verführt Er will sein Unrecht gut machen und das Mädchen heiraten. Vater und Sohn begeben sich in das andere Lager, um bei Jakob und seinen Söhnen zu werben. Da sie es mit einem edlen Hause zu tun haben, so schlägt Chamor die Verschmelzung der beiden Geschlechter durch eheliche Verbindungen vor und der junge Sichern erbietet sich zu jeder Zahlung. Die Söhne Jakobs, ergrimmt über die ihrer Schwester angetane Schmach, sind entschlossen, sie blutig zu rächen, aber sie verbergen ihre Erbitterung und erklären, auf den Vorschlag eingehen zu wollen, wenn das Hindernis der Volksverschiedenheit dadurch beseitigt werde, daß die andere Seite sich zur Beschneidung verstehe. Die Bedingung wird von der ganzen Stadt angenommen, aber als die Männer noch darniederliegen, dringen zwei von den Söhnen Jakobs, Simon und Levi, in den Ort, töten Chamor, Sichern und alles was in der Stadt Lebt, und die anderen Söhne führen alle Beute fort Eine düstere Tragödie. Es ist die seitdem tausendmal wiederholte Geschichte von den Nachbarskindern, deren Vereinigung sich höhere Rücksichten unübersteiglich entgegenstellen. Das Verhalten der Brüder, diese Heimtücke und mörderische Rachgier, ist empörend, während Chamor und Sichern sich als Edelleute benehmen. Aber der Konflikt war unlösbar. Als der Vater Jakob verzweifelt ist und die Rache der Landesbewohner fürchtet, antworten die Söhne: Sollte unsere Schwester als eine Dirne behandelt werden dürfen? Ihnen ist die Frauenehre in Israel das heiligste Gut, das um keinen Preis feil ist, und für die Tat muß das ganze schuldige Geschlecht mit seinem Blute büßen. Ihr unversöhnlicher Fanatismus hat trotz allem einen sittlichen Kern. Wäre Sichern ein Israelit unter dem mosaischen Gesetz gewesen, dann hätte er das Mädchen nicht nur heiraten dürfen sondern müssen. Aber er ist ein Kanaaniter und bleibt es auch nach der Beschneidung. Denn wie wenig ihr Sinn von der anderen Seite begriffen ist, zeigt sich, als Chamor sie seinen Landsleuten damit annehmbar macht, daß sie ihnen geschäftliche Vorteile von den Fremden bringen wird. Wie ist da der israelitische Begriff von der Heiligkeil der Ehe zu erwarten? Die Geschichte Abimelechs im Richterbuche zeigt, wie wenig Verlaß auf diese Leute ist Nein, Israel und Kanaan können und sollen nicht eins werden. Das Volk Gottes muß in seinem Familienleben abgesondert bleiben. Die Mischehe würde seinen Untergang bedeuten. Vor dem Wohl und Wehe der Gemeinschaft muß die Liebe des einzelnen Paares verzichten, so tief wir mit ihm fühlen mögen. Für die Denkweise nicht bloß Jakobs und seiner Söhne, sondern auch 536