Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 530 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Jacob die Begier wecken, Jakob alles zu nehmen. Er, der gelobt hatte, ihn totzuschlagen, mußte frohlocken, daß jetzt die Stunde gekommen sei Auch hätte Jakob sonst nicht gezittert, als seine ersten Boten zurückkamen. Jedoch als Esau des Anderen ansichtig wird, wer ist das, das sich da heranschleppt, sich sieben Mal bis zur Erde verneigend, hinter ihm ein Haufe sich zusammendrängender Frauen nnd Kinder? Ein gelähmter, ein geschlagener Mann, der mühsam vorwärtshinkt! Ist das der einst so behende, vielgcwandte Jakob, gegen den er seine Kriegerschar aufgeboten haben sollte? Diese Gestalt entwaffnet ihn, Mitleid und ursprüngliche Bruderliebe wallen in ihm auf, der Haß zerschmilzt, das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich, und versöhnt umarmen sich Brüder. So hat Gott den Jakob errettet, indem er ihn noch schwacher machte. Durch diese Schwäche hat er Esau besiegt, hat Esau sich besiegt Er fühlt sich geschlagen, da er einen Geschlagenen vor sich sieht. So erweist sich Gott in dem Schwachen stark und wird die Schwäche zu einer Gottesmacht, die nicht vergebens an das Felsenherz pocht, weil zu unterst doch das Mitgefühl schlummert Daß Esau, rasch zum Zorn, aber auch rasch zur Versöhnung sich gegen diese Stimme nicht verstockt, ist sein Ruhm. Es ist seine große Stunde, in der man ihn lieben und verehren muß. Sein Herz war es, auf das Gott vertraute, als er dies beglückende Wunder wirkte. Denn ist es nicht ein erhebenderes, wenn ein hartes Herz, als wenn ein Stein weich wird, oder sonst ein „Wunder" geschieht? Und wo geschlagen sieht Esau den Jakob? An der Hüfte, mit gehemmtem Fuß! Gerade da, wo die Wurzel ihrer Feindschaft lag. Denn hatte er nicht schon bei der Geburt den Bruder an der Ferse gefaßt, wie er ihn immer überflügeln wollte? Betroffen und erschüttert sieht Esau: Er braucht sich nicht mehr zu rächen, Gott hat gerächt 3. Kehren wir nunmehr zu jenem Nachtkampf zurück, denn noch ist sein Sinn nicht ausgeschöpft „Ich lasse dich nicht, du habest mich denn gesegnet!" Ein herrliches Wort! Jakob ist nicht überwunden worden und könnte sich als Sieger bezeichnen, sofern überhaupt von Sieger und Besiegtem geredet werden kann. Aber sein wahrer Sieg ist erst, daß er von dem Gegner gesegnet sein möchte. Das ist kein Sieg, wenn man dem andern das Knie auf die Brust setzt und, die Faust an der Gurgel, droht: gib zu, daß du besiegt bist! Unterschreib, oder sondern wenn der Sieger selbst nicht eher an seinen Sieg glaubt, als bis der Besiegte ihn gerechtfertigt, 530