Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 528 (sequence 4)
- Language
- German
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B. Jacob Man hat an diesem Gebete gemäkelt, es falle Jakob nicht ein, sein Unrecht einzugestehen, seine Demut sei nicht die des reuigen Sünders vor dem heiligen Gott Aber wenn jemand am Ertrinken ist und um Hilfe schreit, ist ein Sündenbekenntnis nicht angebracht und sogar verdächtig. Es ist mehr, daß er nur auf Gottes Gnade und Treae rechnet Auch vergißt man dabei, daß er erst den Menschen hätte versöhnen müssen, den er gekränkt hat; vorher verzeiht auch Gott nicht Was wir aber vermissen, ist die Antwort Gottes auf Jakobs Flehen. Nur das sehen wir vorerst, daß er nach dem Gebet klüger und besonnener handelt. Seine Angst, die ihm den verzweifelten Gedanken an Kampf eingab, ist vergangen. Jetzt handelt er mit Klarheit und Umsicht Im Gebet ist der Mensch der Welt entrückt, und so scheint es ihn für ihre nüchterne Beherrschung nicht eben tauglicher zu machen. Aber der Beter weiß es besser. Er kehrt, nachdem er diesen Himmelstrunk geschlürft, neubelebt und gehoben, tatkräftiger und mit klareren Sinnen in die Welt zurück. Beten macht auch klüger. 2. Nachdem die Boten sich mit den Herden entfernt haben, setzt Jakob seine Frauen und Kinder über den Fluß Jabbok, einen Nebenfluß des Jordan, und bleibt in der Nacht allein zurück. Da hat er ein seltsames Erlebnis. Ein Mann ringt mit ihm die ganze Nacht, bis die Morgenröte aufsteigt Und da der Mann ihn nicht überwältigen kann, berührt er die Hüfte Jakobs, daß sie verrenkt wird. Und er sprach: laß mich ziehen, denn die Morgenröte ist aufgegangen. Der aber antwortete: „ich lasse dich nicht, du habest mich denn gesegnet". Wer ist dieser „Mann", was bedeutet dieser nächtliche Kampf? Darüber sind eine Reihe absonderlicher Ansichten ausgesprochen worden, eine aben-* teuerlicher oder platter als die andere: Der Vorgang ist mythologisch, wir haben hier den Rückstand einer niederen Religionsvorstellung, der „Mann" ist ein menschenfeindlicher, mordlustiger Dämon, ein lichtscheues Nachtgespenst — er ist der Geist des Jabbok, der Flußgott, der Jakob nicht hinüberlassen will — die Ortsgottheit von Penuel, wo sich diese Geschichte abspielt — ein von Esau gedungener Bandit — es ist eine sagenhafte Darstellung des Sieges der in Kanaan eindringenden Israeliten — es war eine Vision, ein Traum — es ist ein altes Zeugnis für die Erscheinung des Alptraumes, und Jakobs Hinken erklärt sich aus einem durch Schlafen an der feuchten Flußniederung entstandenen Rheumatismus — oder er hat sich bei dem Durchwaten des Flusses den Fuß verstaucht Man hat sogar den Vorgang umgekehrt: Jakob hat den 528