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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 527

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Einführungen in das erste Buch Mose
Date
1929-02-01
Page
527 (sequence 3)
Language
German
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Der Beter hat, ihn als den eigenen anzurufen, mit dem Namen, mit dem er selbst ihm seinen Schutz zugesichert und diese Heimkehr anbefohlen hat, und so ringt eich aus Seelennot das erste DU zu Gott empor. Bisher hatte er immer nur von Gott und auch das zumeist als von „Gott", Elohim, gesprochen. Not lehrt beten, d. h. zu Gott sprechen. Religion ist doch nicht bloß sich selbst fortsetzende Vergangenheit, sondern gegenwärtiges persönliches innerstes Leben und Verlangen, das ich selbst zur einstimmenden Fortsetzung machen muß. Gott muß auch Mein Gott werden. Unsere Stelle ist der Quellpunkt für das „DU unser Gott und Gott unserer Väter", das tausendfältig aus den jüdischen Gebeten widerhallt. „Ich bin zu gering all der Gnaden und Treue, die du deinem Knechte erwiesen hast." Das ist das klassische Wort der religiösen Demut. Es ist das Seitenstück zu dem abrahamitischen: ich bin nur Staub und Asche I Geht es nach Würdigkeit vor Gott, so bin ich immer zu klein. Nach dem, was er schon an mir getan, ist er mir niemals noch etwas schuldig. Was hätte selbst die Arbeit gefrommt, ohne seinen Segen? „Mit meinem Stabe bin ich über diesen Jordan gezogen und jetzt bin ich zu zwei Lagern geworden." Der große Besitz hat bei Jakob nicht das Bewußtsein erstickt, daß er ihn nur Gottes Gnade zu verdanken hat Das ist z. B. die Sorge Moses in den Abschiedsreden an sein Volk: Vergeßt im Wohlstand nicht, wer euch dazu geholfen hat! Jakob ist der Erste, der sich vor Gott „Dein Knecht" nennt Das ist seine wahre Gesinnung gegenüber dem beständigen „dein Knecht — mein Herr" vor Esau. Der religiöse Mensch kann genötigt werden, sich vor den Mächtigen dieser Erde zu bücken und sie Herren zu nennen, aber er lebt noch in einem anderen Reich, in dem er nur den Höchsten als seinen Gebieter anerkennt Das ist eine Freiheit und ein Adel, die kein Tyrann ihm rauben kann. „DU unser Gott, geknechtet haben uns Herren außer Dir, aber unsere. Losung ist Dein Name allein." Bemißt sich die Würde des Dieners nach dem Range seines Herrn, so kann es keinen höheren Ehrentitel geben als den, mit dem der Fromme sich rühmt, dessen Gott die Größten in Israel, einen Abraham, Mose, David gewürdigt, womit er Israel als mit dem Beruf, für ihn zu leben und. zu leiden und dadurch den Völkern zu predigen ausgezeichnet hat: Knecht Gottes. Das Wort der Demut ist auch ein Wort des Stolzes und des Trostes. Und für den reifen und freien Menschen ist das Knechtsverhältnis zu Gott aus freier Wahl würdiger als „Kind Gottes". 527

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