Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Zum zweiten Band der Encyclopaedia Judaica [Rezension]
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 505 (sequence 5)
- Language
- German
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Zum zweiten Band der Encyclopaedia Judaica indem sie für das, was wir mit Geist bei Gott zu bezeichnen suchen, Geist*braus sagt, und für das, was wir mit Persönlichkeit meinen: Antlitz, gibt uns auch hier Anleitung zum erfahrungstreuen Denken. Spinozas Hohn: „Wenn ein Dreieck sprechen könnte, würde es sagen, Gott sei das schlechthin dreieckige Wesen" höhnt freilich an der Wirklichkeit vorbei, denn ein Dreieck spricht eben nicht, sondern wird „gesprochen". Aber wenn das urphilosophische Staunen des alten Xenophanes dasselbe für Ochs, Pferd, Löwe, stumpfnasigen Äthioper und rotblonden Thraker sagt, so trifft hier die Satire ins Schwarze der Wirklichkeit — und hört damit allerdings auf, Satire zu sein. Gott spricht alle Sprachen. * * * Zu dem bisher Gesagten bringt die Geschichte die Bestätigung. Sie zeigt den „Anthropomorphismus" als die Schutzwehr des „Monotheismus". Oder, um deutsch zu reden: sie zeigt, daß ohne den Mut, den wirklich erfahrenen Gotteserfahrungen auch die wirkliche und unmittelbare Herkunft von Gott zuzutrauen, diese Erfahrungen sich selbständig machen und sich einen eigenen oder mehrere eigene Träger neben Gott selbst, dem ■ für untragkräftig gehaltenen, suchen. Je mehr Gott in die Ferne gebannt wird, um so leichter meint der Mensch, den göttlicher Kraftströme vollen Raum zwischen Gott und sich mit Halb- und Viertelgöttern bevölkern zu dürfen. Die erste Epoche eines inner jüdischen Kampfs gegen die biblischen „Anthropomorphismen" hat ihre Dokumente in den alten Übersetzungen, von der Septuaginta bis zu den Targumen. Daß eben in dieser Epoche das Christentum entsteht, ist also nach dem Gesagten kein Zufall. Philons Logos war die notwendige Entsprechung seines vergeistigten Gottes. Im Logosevangelium steht der dem Christentum durch die "Versuchung, ihn umzukehren, zum Verhängnis gewordene Satz: Gott ist Geist. Und indem Paulus als erster Jude — unbegreiflich uns bis zum heutigen Tag! — den Gott der Bibel als den Gott der strengen, erbarmungslosen Gerechtigkeit sah, mußte er mit Notwendigkeit dazu kommen, die ja auch ihm erfahrungsmäßig unleugbare göttliche Liebe an den Mittler zu binden. Das Judentum hat sich dann aus den beiden Extremen des judengriechischen Geistgottes und des judenchristlichen Gottmenschen hineingerettet in die kühnen „Anthropomorphismen" der talmudischen Agada, d. h. in die felsenfeste Gewißheit, daß alles, was wir von Gott erfahren, von ihm selber kommt. Dieser Gewißheit verdanken wir, nächst dem Gesetz und dem Lernen, unsre Fortexistenz als Juden. Vollzogen sich die hellenistische Gottvergeistigung und die ihr antwortende christliche Gottvermenschlichung beide an der Grenzlinie von Israel und den Völkern, so geschieht Wort und Antwort in der zweiten Episode eines Kampfs gegen den „Anthropomorphismus" innerhalb Israels selbst. Die jüdische Reli- .gionsphilosophie des Mittelalters, auf den Plan gerufen durch die groteske Verirrung der Frühkabbala, Gottes „Gestalt" auszählen und ausmessen zu wollen, diesen innerjüdisch klassischen Fall eines echten, nämlich abbildenden, Anthropomorphismus (ohne Gänsefüßchen), gipfelt in dem, soweit im Judentum möglich, gelungenen Versuch des Maimonides, die „Unkörperlichkeit" Gottes dog- 505