Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Zum zweiten Band der Encyclopaedia Judaica [Rezension]
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 504 (sequence 4)
- Language
- German
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Franz Rosenzweig sich ihm nähert und seine Bedränger niederwettert. Bildhaft wird nur die mitgewitternde Schöpfung, bis zur als Cherubgreif mythologisierten Wetterwolke, nicht der Niederfahrende selber, soviel von ihm ausgesagt wird; kein Phidias hätte sich hier die Inspiration holen können, und wenn ein Michel Angelo einst ein Bildnis machen wird, so wird er dazu fähig, nicht weil Dawid sang, sondern weil Phidias bildete. Dieses Grundgesetz des biblischen Stils, und des Stils ja nur, weil des biblischen Denkens, bestätigt sich nun, wie es ja, wenn die Bibel mehr als historischen Wert hat, auch kaum anders sein kannj, in der lebendigen, jedem Heuligen offenstehenden Erfahrung. Keine der biblischen Aussagen, auch der skurrilsten und anstößigsten, gibt es, die sich nicht in der Begegnung mit Schöpfung oder Geschöpf heute wie je verwirklichen kann. Wo es etwas zu sehen gibt, da hat Gott ein Auge darauf; wo ein Mensch ruft, da tut Gott ein Ohr auf; wo ein Mensch hinaufhorcht, oder andrerseits, wo ein Mensch sein Ohr verschließt, kann die Stimme des göttlichen Mundes sein Ohr füllen; wo er die Hand hilfeflehcnd ausstreckt, kann Gottes Hand sie ergreifen; wo er sich in Sehnsucht nähern möchte oder sich in Trotz zu entfernen sucht, wird Gott niedersteigen, ihm auf halbem Weg zu begegnen oder dem Flüchtigen am Ziel seiner Flucht entgegenzutreten; und wo eine Menschengemeinschaft in ehrlicher Meinung (nicht in magischem Zwangswillen, der sich von anderer, näherer Pflicht freikaufen möchte) ihn mit Opferdüften zu erfreuen sucht, da wird er — Verzeihung dem kecken Wort! — nicht humorlos genug sein, nicht hinzuriechen. Gleichwohl dürfte man nicht sagen, daß er Augen, Ohren, Mund, Hand, Bein, Nase hätte; aber nicht weil Sehen, Hören, Reden, Ergreifen, Niedersteigen, Riechen, sondern weil das „Haben" ein© seiner unwürdige Beschränkung wäre. Nicht ein Wissen um Gottes „Haben" oder „Sein" steht uns zu — solch Wissenwollen wäre stets ein Versuch, ihn abbildend festzulegen —, sondern ein unbegrenztes Vertrauen in seine unzubegrenzenden Kräfte, stets, jeden Augenblick, unsrer und aller Schöpfung augenblicklichen Leiblichkeit und Seelischkeit leiblich und seelisch, leibhaft und seelenhaft, zu begegnen. Und wie es keine Begegnung gibt, mit der er uns nicht begegnen könnte, so gibt es keine noch so — mit dem Enzyklopädieartikel zu reden — „sublimierte und vergeistigte Eigenschaft", die man von Gott aussagen dürfte. Nicht weil es menschliche Eigenschaften sind, sondern weil es Eigenschaften sind. Allgegenwart, Allmacht, Allwissenheit, Allgüte verraten sich nicht erst durch die Schwierigkeiten, in die das Denken bei dem Versuch, sie aus- und zusammenzudenken, gerät, als unerfahrene Hirngespinste, sondern schon durch die Vorsilbe „All-". Was weiß ich von „all"! was ich erfuhr und erfahre, ist Gegenwart, Macht, Wissen, Güte, — jedes zu seiner und meiner Stunde. Selbst eine so „vergeistigte" Aussage wie: Gott ist Geist, fällt in die allgemeine Verdammnis der Ist-Sätze. Hermann Cohen hat es gesagt (leider nur gesagt, nicht geschrieben): „Gott brauchte keinen Geist zu haben, wenn er dem Menschen nicht Anteil daran geben wollte". Nicht anders steht es mit dem Begriff der Persönlichkeit. Die Bibel, 504