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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 506

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Zum zweiten Band der Encyclopaedia Judaica [Rezension]
Date
1928-12-01
Page
506 (sequence 6)
Language
German
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Franz Rosenzweig: Zum zweiten Band der Encyclopaedia Judaica matisch zu kodifizieren. Die Antwort wird diesmal gegeben von der Hoch- und Spätkabbala, die, eben weil sie von der Religionspbilosophie den Begriff der vollkommen eigenscbaftslosen, nur negativ zu bestimmenden Gottheit, kabbalistisch gesprochen: das En sof, das Absolute, übernahm, unter dieser obersten Instanz ein immer bunteres Gewimmel von himmlischen Unter- und Zwischeninslanzen entdeckte. In der dritten Epoche eines Kampfs gegen den „Anthropomorphismus" steht das Judentum seit den Anfängen der Emanzipation. Der Kampf knüpfte diesmal an eben jene letzten Ausartungen der Kabbala an. Die Antwort läßt sich, da die Epoche noch Gegenwart ist, nicht mit historischer Sicherheit bestimmen. Vermuten möchte ich aus persönlicher Erfahrung, daß sie in den großen Täuflingen des 19. und leider auch 20. Jahrhunderts gegeben wird. * * * Um zusammenzufassen, sei nun zum Schluß zu sagen versucht, wie jener oben angeführte einleitende Absatz des Enzyklopädieartikels lauten würde, wenn das neue Denken heute schon enzyklopädiefähig wäre: „. . . Die biblischen „Anthropomor- „phismen" fallen nicht unter diese Definition, sondern sie entstammen dem „unverkümmerten Wissen um die Art, „wie Gott dem Menschen begegnet: so „nämlich, daß er in seine, des Geschöpfs, „konkrete, d. h. augenblickliche leiblichseelische Wirklichkeit mit gleich kon- „kret augenblicklichem leibhaft-seelenhaf- „tem Begegnen eingeht. Sie fügen sich „also nie untereinander zu Abbild oder „Beschreibung zusammen, sondern beziehen sich, ihrem durchaus nur konkret- „momentanen Charakter gemäß, immer „nur auf das geschöpfliche Gegenüber „und nur auf diesen seinen augenblicklichen Augenblick. Die Voraussetzung, „die sie machen, ist keine andre als die „doppelte, die die Bibel überhaupt macht: „nämlich daß Gott kann, was er will „(also auch dem Geschöpf jeweils in „voller leiblicher und geistiger Wirklichkeit begegnen) und daß das Geschöpf „kann, was es soll (also auch die ihm „jeweils sich zuwendende Selbstverleib- „lichung oder Selbstvergeistigung Gottes „voll auffassen und erkennen). Für den „Menschen, um es nun auch psychologisch zu sagen, sind sie die einzige „Sicherung gegen den Rückfall in Vielgötterei, die ja nichts andres ist als Verfestigung einer echten augenblickshaften ,iOffenbarung des wirklichen Gottes zu „einem dauerhaften und eben dadurch „dem immer-neuen Offenbarungswillen „Gottes widerstehenden Gottesbild. Was „sie aber für Gott selbst sein mögen, das „deutet vielleicht am ehesten das Wort „des Talmud an: daß Gott keinen seiner „Boten jeweils mit mehr als .einer Botschaft entsendet. * * * Aber würde das heut schon ein Mensch verstehen? Hoffentlich wenigstens die Leser dieser Bemerkung. 506

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