Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Zum zweiten Band der Encyclopaedia Judaica [Rezension]
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 503 (sequence 3)
- Language
- German
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Zum zweiten Band der Encyclopaedia Judaica andern) Erfahrung geltend gemacht werden könnte, und auch die Notwendigkeit kritischer Sichtung und Bearbeitung der gesammelten Erfahrungen ist für die Theologie keine andre als für jede andre Wissenschaft. Nicht minderen Grund als diese bildungsübliche Narrenverkappung des Problems nach der geistreichen Knallbonbondevise, daß der Mensch sich Gott nach seinem Bild geformt habe, hätte wahrhaftig die Umkehrung, die das Bibelwort ernst nimmt. Die sogenannten Anthropomorphismen wären dann in Wahrheit Theomorphismen: nicht wir stellen uns Gott sehend, hörend, redend, zürnend, liebend vor, weil wir selbst sehen, hören, reden, zürnen, lieben; sondern wir können nur deshalb sehen, hören, reden, zürnen, lieben, weil Gott sieht, hört, redet, zürnt, liebt. Aber man braucht das nur etwas in seine Konsequenzen zu verfolgen, um gewahr zu werden, daß ein solches dogmatisches Ausgehen von Gott nicht weniger erfahrungsfremd ist als jenes skeptische Ausgehen vom Menschen. Theologische Erfahrungen haben eben, soweit es echte Erfahrungen sind und nicht Hirngespinste, das Gemeinsame, daß sie Erfahrungen von Begegnungen sind; nicht Erfahrungen gegenständlicher Art wie die Welterfahrungen, nicht aus beidem gemischt wie die zwischenmenschlichen Erfahrungen. Will man also hier innerhalb des Bezirks der Erfahrung bleiben, so darf man weder über Gott etwas aussagen wollen noch über den Menschen, sondern nur über ein Geschehen zwischen beiden. Und eben hierzu gibt die Bibel die beste Anleitung. Die „Anlhropomorphismen" der Bibel sind durchweg Aussagen über gottmenschliche Begegnungen. Nie wird Gott — was doch die Redensart, daß ihm etwas „zugeschrieben" werde, still voraussetzt — beschrieben. Nie nämlich werden zwei oder mehr „Eigenschaften" untereinander in Beziehung gesetzt, wie es doch das Grundprinzip jeder Beschreibung ist; nie also etwa heißt es: •Ja, und mit den düsteren Braun jetzt nickte Kronion. Doch es ergossen sich rings die ambrosischen Haare des Schirmherrn Ums unsterbliche Haupt, den großen Olympos erschütternd. Stets, selbst bei den größten Häufungen beschreibender Elemente führt von jedem Einzelzug der Weg statt zum nächsten Einzelzug (wodurch ein Bild entstehen würde), hinaus in die Schöpfung und zum Geschöpf. Man vergleiche etwa mit jenem Iliaszitat1) die folgende Stelle, die wohl ein Höchstmaß von anschaulichen Elementen versammelt: Da mir angst war, rufe ich IHN, ich rufe zu meinem Gott, von seiner Halle hörte er meine Stimme, mein Notschrei war schon in seinen Ohren. Da schotterte, zitterte die Erde, die Gründe der Himmel erbebten, erschüttert, denn auf flammte er. Hoch entstieg Dampf seiner Nase, Feuer fraß aus seinem Mund, Kohlenglulen zündeten draus. Er neigte die Himmel, fuhr nieder, Welterdunkcl ihm unter den Füßen, er ritt auf dem Cherub, flog an, schoß herab auf Schwingen des Sturms. Wie ist hier jede einzelne Aussage nur das eine Ende einer Linie, an deren anderm Ende der angstvoll um Hilfe rufende Beter steht, der schaut, wie Gott *) Aus A. Schaeffers Übersetzung (bibliophiler Vorabdruck der drei ersten Gesänge;. 503