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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 502

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Zum zweiten Band der Encyclopaedia Judaica [Rezension]
Date
1928-12-01
Page
502 (sequence 2)
Language
German
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Franz Rosenzweig fühle „zuschreibenden" — Bibelstellen und dann einen schönen Überblick über die Auseinandersetzung mit diesen Stellen durch zwei Jahrtausende jüdischer Geisles- und Literaturgeschichte. Voran geht diesen ausgezeichneten Beiträgen zum Thema ein kurzer Absatz, der nach einer einwandfreien Begriffsbestimmung das folgende über die » psychologischen Grundlagen" bringt, das, grade weil es der herrschenden (und nicht nur bei uns herrschenden) Auffassung genau entspricht, einer Betrachtung unterzogen werden soll, — übrigens einer, der stofflich großenteils zugrundeliegt, was ich aus dem vorzüglichen Artikel gelernt oder wiederaufgefrischt habe: „. . . Es ist zu unterscheiden zwischen dem „an der absoluten Geistigkeit Gottes festhaltenden formalen Anthropomorphismus, „der sich nur zur Veranschaulichung von „Gottes Wesen und Wirken anthropomor- „ph istischer Ausdrucksweise bedient, und dem „materiellen Anthropomorphismus etwa der „alten Griechen und anderer heidnischer Völ- „ker. Jener uneigentliche Anthropomorphis- „mus wurzelt nicht bloß in der Unzulänglichkeit der menschlichen Sprache — kann ja „alles Geistige und Übersinnliche sprachlich „überhaupt nur in sinnbildlicher Form dargestellt werden —, sondern darüber hinaus „in der Beschränktheit des menschlichen Den- „kens, das reingeislige Begriffe nur mittelbar, unter Zuhilfenahme sinnlich betonter „Vorslellungsbilder, zu erfassen vermag. Da „nun die menschliche Persönlichkeit in ihrem „leiblich-geistigen Doppelwesen sich unserer „sinnlichen Erfahrung ab das vollkommenste „und wertvollste Gebilde dieser Welt darstellt, „ist es leicht erklärlich, daß auch das fortgeschrittene religiöse Bewußtsein geneigt ist, „Gott mit den edelsten und nach Möglichkeit „sublimierlen und vergeistigten Eigenschaften „der menschlichen Persönlichkeit auszustatten. „In diesem Sinne gilt nicht allein für die „primitiven heidnischen Religionssysteme der „bekannte, einen biblischen Satz in sein Gegenteil umbiegende Spruch, der Mensch habe „Gott in seinem (des Menschen) Ebenbilde „geformt. „Unzulänglichkeit der Sprache", „Beschränktheit des Denkens", „unsre sinnliche Erfahrung", zuletzt als Clou der vom Menschen in seinem Ebenbild geformte „Gott" — so behandelt man heut ein theologisches Problem! Selbst einmal die Richtigkeit dieser „erkenntnistheoretischen" Mangelhaftigkeiten zugegeben (ich verstehe freilich nicht, mit welcher Sprache, welchem Denken, welcher Erfahrung wir unsre Sprache, unser Denken, unsre Erfahrung vergleichen können, um ihnen die Censur Mangelhaft erteilen zu dürfen), aber das einmal selbst zugegeben: in welcher Wissenschaft sonst ist es erlaubt, „erkenntnistheoretische" Lamentationen an Stelle des rechtschaffenen Bemühens um Erkenntnis des Sachverhalts selber zu setzen? Wird etwa ein Biologe durch die doch gewiß vorhandene Schwierigkeit einer eindeutigen Abgrenzung des Belebten gegen das Leblose oder ein Psychologe durch die Fragwürdigkeit alles Selbstbewußtseins sich von dem, mit Kant selber zu reden, Niederstieg in die fruchtbare Ebene der Erfahrung entbunden fühlen? Aber ein theologisches Problem glaubt man unter Vernachlässigung der Erfahrung mit ein paar allgemeinen Betrachtungen über unsre menschliche Schwäche und einer damit eigentlich im Widerspruch stehenden kühnen Schlußbehauptung der menschlichen Allmacht, die Gott selber seine Form verleihe, erledigen zu können. Gibt es etwa keine theologische Erfahrung in dem Sinn wie es eine biologische oder psychologische gibt? Das ist freilich die Meinung. Aber es gibt kein Argument gegen die Möglichkeit theologischer Erfahrung, das nicht mit dem gleichen Recht auch gegen die Möglichkeit biologischer oder psychologischer (und jeder 502

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