Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 499

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte
Date
1928-12-01
Page
499 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895481-2899262--03176-2899374
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte Krieg, besonders im verlorenen Kriegein Werkzeug zur Aufklärung und Revolutionierung der Massen sowie zur Erzwingung von Zugeständnissen von der Regierung. So war es nach dem russisch-japanischen Kriege gewesen, so sollte es wieder sein. Während des Weltkrieges wurden die russischen Juden von den militä,- rischen und zivilen Regierungsstellen in einer Weise behandelt, die eine ganz unerhörte Mißachtung der elementarsten Menschenrechte bedeutete. Besonders hart traf die Verfolgungspolitik die Grenzbevölkerung. Tausende von Juden wurden beim Rückzug der russischen Heere „evakuiert". Kinder, Greise, Wöchnerinnen, Kranke wurden wie das Vieh in Gepäckwagen gepfercht und in das Innere Rußlands auf der Eisenbahn abgeschoben unter dem Vorwande, daß diese Elemente unzuverlässig seien. Die Stimmen einsichtiger Staatsmänner, die auf die Notwendigkeit der Aufhebung des Ansiedlungsrayons hinwiesen, wurden von den reaktionären Ministem und den allgewaltigen Militärs übertönt Der Zar Nikolaus IL, ein Werkzeug der Schwarzen Hundert, stellte sich ganz auf die Seite derer, die von einer Lockerung des Repressalienregimes nichts wissen wollten. Die Duma war machtlos und in ihrer Majorität judenfeindlich. Der Weltkrieg fegte aber das Zarenregime weg, machte ein Ende mit der Duma, dem Klassenstaat, der kapitalistischen Ordnung, der privilegierten Stellung der großrussischen Nation gegenüber den vielen Nationalitäten und Völkerschaften des russischen Reiches. Die Februarrevolution von 1917 brachte den russischen Juden die lang ersehnte Gleichberechtigung. Es bedurfte keiner Kämpfe mehr, wie wir es im Verlaufe anderer Revolutionen sehen, um die Gleichberechtigung zu erzwingen. Sie fiel den Juden als reife Frucht in den Schoß. Durch einen Akt der Provisorischen Regierung vom 5. April 1917, an deren Spitze Fürst Lwow stand, wurden die Juden als gleichberechtigte Bürger erklärt Inzwischen kamen neue Kräfte zur Geltung. Die Bolschewiken gewannen nach kurzer Zeit die Oberhand und gründeten ein Regime, das auf einen elfjährigen Bestand zurückblicken kann. In einer der ersten Erklärungen der neuen Regierung wurden folgende Grundsätze aufgestellt: Gleichheit und Souveränität der Völker Rußlands; Recht auf freie Selbstbestimmung; Anschaffung aller national-religiösen Privilegien und Beschränkungen. Die Oktoberrevolution, durch die die Bolschewiken zur Macht gelangten, hat die Grundlage nicht nur des jüdischen Wohlstandes, sondern auch der 34 499

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.