Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 498 (sequence 10)
- Language
- German
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M. Wischnitzer Berechtigung für das jüdische Volk konstituiert und die Wahlen für die bevorstehende erste Reichsduma leitet Diese Gruppe stellt sich die Aufgabe, die Gleichberechtigung auf parlamentarischem Wege durchzusetzen. Die Regierung, die erst beabsichtigte, den Juden das Wahlrecht zu verweigern, sah ein, daß sie nicht weiter gereizt werden durften und sprach ihnen aktives und passives Wahlrecht zu. Es handelte sich ursprünglich allerdings nur um eine Duma mit beratender Stimme. Die Streiks, die diese Einschränkung der Duma auslösten, zwangen den Zaren, am 17. Oktober 1905 die Berufung einer legislativen Duma in Aussicht zu stellen, die 1906 zusammentritt In die erste Duma wurden zwölf Abgeordnete von der jüdischen Bevölkerung geschickt Zehn von ihnen gehörten ihren Sympathien nach der konstitutionell-demokratischen Partei an, die die Gleichberechtigung der Juden in ihr Programm aufgenommen hatte. Der jüdisch-sozialdemokratische Bund nahm an den Wahlen nicht teil, diese wurden auch von den russischen sozialistischen Parteien boykottiert. Die erste Duma, die nach drei Monaten ihres Bestehens aufgelöst wurde, hatte die Gleichberechtigung aller Bürger ohne Rücksicht auf Nationalität, Konfession und Geschlecht gefordert Nach der Auflösung der Duma gaben die oppositionellen Abgeordneten ein Manifest heraus, in dem sie das Land zur Verweigerung der Steuern und der Bereitstellung von Soldaten für die Armee aufriefen. Diese Ereignisse wickelten sich auf dem Hintergrunde von Judenmassacres ab, die die Regierung inszenierte. Die jüdischen Abgeordneten unterzeichneten sämtlich das Wiborg-Manifest und büßten mit Gefängnis und Verlust des Wahlrechts. In die nächste Duma konnten infolge von Einschränkung des Wahlrechts für die Juden nur vier Deputierte gewählt werden. Auch dieser Duma war kein langes Leben beschieden. Die dritte Duma zählte bloß noch zwei jüdische Abgeordnete. Sie beriet ein Gesetz, das die Einrichtung des Ansiedlungsrayons neu bestätigte und Einschränkungen des jüdischen Wahlrechts sowie des Zutritts zu Bildung und Ämtern vorsah. Ihre Arbeit verlief im Zeichen der Beilis-Ritualmordaffäre. Der Prozeß selber, der die Machenschaften der Schwarzen Hundert enthüllte, fand 1913 statt Die schwarze; Reaktion dieses letzten Vorkriegsjahres holte dauernd zu neuen Schlägen aus, auf die das russische Volk mit terroristischen Gegenschlägen antwortete. Die Juden nahmen an dem verzweifelten Kampfe eifrig Anteil. In diesem Zustand der höchsten Spannung — denn auf beiden Seiten hatte man alle Kräfte mobilisiert — erschien der Krieg als eine nicht unwillkommene Unterbrechung. Die russische Opposition sah seit der Krimkampagne im Jahre i855—1856 im 498