Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 497 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895481-2899262--03174-2899372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte telligenzia bedroht fühlt Und nicht mit Unrecht. Denn diese jüdischen Intellektuellen von den radikalsten bis zu den gemäßigtesten haben erkannt, daß der Weg der alten Reformprojektemacher, die Hand in Hand mit dem aufgeklärten Absolutismus die jüdische Frage lösen wollten, nicht der richtige Weg ist. Die Regierung war an die unterwürfigen jüdischen Petitionen so gewöhnt, daß sie, nachdem nun Schlag auf Schlag auf allen Gebieten wirtschaftlicher Betätigung, der Bildung und des Wohnrechts Einschränkungen durchgeführt, eine gewissenlose antijüdische Agitation gefördert, gräßliche Pogrome geduldet und sogar provoziert werden, immer noch auf die Dankbarkeit der jüdischen Bevölkerung pocht Sie nimmt die erste spontane jüdische Emigration nach Amerika als etwas ganz ungehöriges auf. In den 80 er Jahren, in den Zeiten der Pogrome, wanderten nach den überseeischen Ländern 200000 Juden aus. Die Vorstellungen, die einzelne jüdische Persönlichkeiten in Westeuropa, der französisch-jüdische Politiker Adolphe Cremieux, der Philanthrop Baron Hirsch, bei der russischen Regierung machten, erwiesen sich als erfolglos, ja sie reizten die offiziellen Kreise nur. Die Regierung lehnte es ab, Gelder für die Schaffung von jüdischen Gewerbeschulen von Baron Hirsch zu nehmen; seinen Beitrag für die russischen Schulen aber nahm sie entgegen. Die Regierung kümmerte sich wenig um die öffentliche Meinung Westeuropas, die die Behandlung der Juden in Protestversammlungen und der Presse scharf mißbilligte. Eine viel größere, wenn auch nur vorübergehende Wirkung hat die Ablehnung des Barons Alphonse Rothschild gehabt, die russische Anleihe zu kreditieren. Die jüdische Bevölkerung, in die Enge getrieben, hatte nur einen Ausweg: Selbsthilfe. Die Emigration wird zu ihrem wirksamsten Mittel der Verteidigung. 1891 setzt die Kolonisationstätigkeit der Jewish Golonization Association ein, die russische Juden nach Argentinien verpflanzt, die Palästinabewegung bricht sich Bahn, die jüdischen Arbeiter schließen sich zusammen in der sozialdemokratischen Partei, dem Bund. Die russische Freiheitsbewegung von 1904, 19öS sieht die Juden in ihren Reihen. Sie beteiligen sich an den Demonstrationen, den terroristischen Akten. Neben den russischen Semstwos bestürmen auch die jüdischen Gemeinden die Regierung mit eindringlichen Petitionen und fordern Gleichberechtigung. Die selbstbewußte Sprache dieser Petitionen, die das Recht für eine Kulturnation beanspruchen, ist neu. Es tritt 1 go5 in Wilna eine Konferenz jüdischer Führer zusammen, die sich als Liga zur Erlangung der Gleich- 497