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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 496

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte
Date
1928-12-01
Page
496 (sequence 8)
Language
German
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M. Wischnitzer Die Lage änderte sich mit einem Schlage, als Alexander IL die Leibeigenschaft aufhob. Mit dieser einschneidenden sozialen Reform wurde eine Umwertung der Juden erst möglich. Der allgemeine Aufschwung des Landes äußerte sich in einer Reihe von Zugeständnissen, die den Juden gemacht wurden. Der fieberhaft einsetzende Eisenbahnbau bringt den großzügigen Unternehmergeist einiger jüdischer Männer zur Geltung, die Regierung entschließt sich, einigen Kategorien von Juden das Ansiedlungsrecht in den inneren Gouvernements zu gewähren, einige Staatsämter werden ihnen geöffnet, die höhere Bildung wird durch Zusicherung von Privilegien wirksam gefördert, die schlimmsten Auswüchse des barbarischen Rekrutierungssystems werden beseitigt. Unter den Juden beginnt sich das russische Bildungsideal zu behaupten. Vor den 6oer Jahren waren es bloß einzelne, die sich mühsam durch Selbstbildung ein paar Brocken europäischer Kultur aneigneten, und zwar waren es hauptsächlich solche aus der Zeit Moses Mendelssohn, die sie erhaschten. Diese Menschen fühlten sich dem eigenen Boden entfremdet, sie lebten isoliert, unverstanden, von den Glaubensgenossen angefeindet. Die Generation der 60 er Jahre beginnt, sich dem russischen geistigen Leben einzuordnen, sie empfängt die Eindrücke der russischen Literatur, von der außerordentlich starke erzieherische Wirkungen ausgehen und die gerade für die Entrechteten von großer Anziehungskraft war. Eine eigene jüdische weltliche Literatur entsteht Mendele Mochel Sforim schildert im Stile des anklägerischen russischen Realismus das jüdische Elend. In den jüdischen Massen wächst das Interesse für soziale Probleme; so bildet sich Mitte der 70 er Jahre in Wilna ein revolutionärer Kreis, dessen Führer Liebermann nach London auswandert, wo er sich sozialistisch betätigt In Petersburg entsteht unter Führung der gemäßigteren Elemente, der dort ansässig gewordenen privilegierten Juden, die Gesellschaft zur Verbreitung der Volksbildung unter den jüdischen Massen. Eine jüdische Bildungsschicht ist ins Leben gerufen worden, sie ist da, es muß mit ihr gerechnet werden.. Der Kampf um die Menschenrechte wird in der jüdischen Presse, insbesondere in der Zeitschrift Rasswjet, dem ersten russisch-jüdischen Organ, geführt Als in der russischen inneren Politik Ende der 70 er Jahre die Reaktion einsetzte, wurde man dieser neuen Erscheinung im Leben der Juden plötzlich gewahr. Erst war es die Rückständigkeit der Juden, nun ist es ihr Radikalismus, der Sorgen macht Man fühlt sich bedroht, wie man sich von der eigenen In- 496

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