Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 495 (sequence 7)
- Language
- German
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Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte Büdungsfeindlichkeit der Juden. Brachten diese aber vernünftige Vorschläge vor, wie z. B. das Gesuch der jüdischen Handwerker in Weißrußland von 1801, die in das Innere Rußlands auswandern wollten, wo sie auf den ländlichen Absatz ihrer Produkte rechnen durften, so wurden diese abgelehnt Ohne staatliche Hilfe nach öden Ländereien wollte man sie ziehen lassen; die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung hatte die Regierung gar nicht im Auge. Einzelne, durch ihre wirtschaftliche Ausnahmestellung begünstigte Männer, die Gelegenheit hatten, mit den Regierungsstellen zu verkehren, machten Reformvorschläge: sie befürworteten die Bildungsreform und die landwirtschaftliche Kolonisation in Südrußland. Sie erreichten nichts, denn sie handelten auf eigene Faust, hinter ihnen stand keine Gesellschaftsschicht, auf die sie sich stützen konnten. Es war ihnen unmöglich, der Regierung nahezulegen, daß sie die Reformen selber finanzieren müsse. Es entstand ein circulus vitiosus: Die Regierung versteifte sich immer mehr auf die Forderung, daß die Juden dem Kulturzustand der russischen Bevölkerung angeglichen werden, und den Kleinhandel und das Pachtgewerbe gegen produktive Berufe eintauschen müssen, um sich die Gleichberechtigung gleichsam zu verdienen. Daß aber die Gleichberechtigung die Basis für eine normale Entwicklung ist, eine Tatsache, die durch die soziale Stellung der Juden in England und Frankreich illustriert werden konnte, wurde nicht eingesehen. Man hatte kein Interesse daran, es einzusehen, weil die Juden in der nun einmal geschaffenen Lage sich für bestimmte Absichten der Rer gierung sehr gut verwerten ließen. Sie wurden als Ablenkungsmittel zur Aufrechterhaltung der Leibeigenschaft benutzt Die Verelendung der Volksmassen konnte bequem und überzeugend genug auf die unheilvolle wirtschaftliche Rolle der Juden auf dem Lande geschoben werden. Der Bauer durfte garnicht zur Erkenntnis gelangen, daß seine Knechtung durch den allgewaltigen Gutsherrn die Ursache seiner Not war. Daß die Pachten, besonders die kurzfristigen, die die Gutsherren bevorzugten, den Boden und den Bauern aussaugten, lag an der Einrichtung des feudalen Besitzes. Der russische Staat schützte nun das Institut der Leibeigenschaft und stützte den Landadel in ganz anderer Weise, als es die polnischen Könige taten, die sich im Gegensatz zu der Schlachta befanden. In Polen fielen den Juden durch den Gegensatz von König und Adel manche Privilegien zu, von der einen und von der anderen Seite, in Rußland identifiziert sich der Zar mit dem Grundbesitzer und liefert den Juden dem Groll des geknechteten Bauern gerne aus. 495