Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 493

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte
Date
1928-12-01
Page
493 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895481-2899262--03170-2899368
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte Einschränkung, eine Politik, die von keinen einheitlichen and festen Prinzipien beherrscht war. Denn der Nutzen, den die an Warenhunger leidenden Kosakensiedlungen vom jüdischen Händler zogen, war ein Faktor, der nicht übersehen werden konnte und die schroffsten Ausweisungsmaßnahmen zum Stehen brachte. Mit der Anschließung der polnischen Provinzen an Rußland vollzieht sich in der sozialen Stellung der Juden ein bedeutender Wandel. Katharina II. gliedert die Juden dem Kaufmanns- und Bürgerstand ein. In Polen bildeten sie eine Gruppe neben dem dritten Stand, an dessen Einrichtungen sie keinen Anteil hatten: sie hatten keine Ämter im Magistrat inne gehabt, sie hatten keinen Gebrauch von den allgemeinen Standesgerichten gemacht usw. Nun werden sie dem christlich einheimischen Kaufmanns- und Bürgerstand angeglichen mit aktivem und passivem Wahlrecht für die Magistrats- und die Gerichtsämter. Die Angleichung an den Bürgerstand bringt einschneidende Veränderungen mit sich. In Polen hatte nämlich der Kampf mit den Magistraten eine Abwanderung der Juden auf die Güter der Großschlachta zur Folge. Die jüdische Bevölkerung ist im Zeitpunkte der Teilung Polens durchaus kein überwiegend städtisches Element Der Jude tritt als Pächter der Einnahmen des Gutsherrn auf, vom Kammerknecht ist er mit dem Niedergang der Königsmacht allmählich ein Diener der Schlachta geworden. Die russische Regierung sieht aber für den Juden eine andere Rolle vor. Er soll den städtischen Kaufmannsstand stärken. Und genau, wie der russische Kaufmann zur Zeit Katharinas II. an die Stadt gebunden wird, ohne Ansiedlungs- und Handelsrecht auf dem Lande, soll der Jude an die Stadt gebunden werden, dort seßhaft werden und Handel treiben. Diese Verfügung der russischen Regierung stößt auf Widerstände des Bürgertums und auf natürliche Schwierigkeiten, da die Städte einer Aufnahme größerer Menschenmengen rein wohnungs,- technisch nicht gewachsen sind. Sie stößt auch auf den Widerstand der auf dem Lande von der Pacht lebenden Juden selber, die gegen die Vollziehung dieser Maßnahme zäh kämpfen; bedeutet doch die Aufgabe ihrer Wohnsitze und der gewohnten Beschäftigung, sowie die Übersiedlung in die überfüllten Städte ihren wirtschaftlichen Ruin. Die Gutsbesitzer widersetzen sich der Maßnahme nicht, da sie seit der Unterstellung der Juden unter das allgemeine Gericht über die jüdische Jurisdiktion nicht mehr verfügen und den Beschwerden der unter ihrer Willkür leidenden Juden an die Behörden nicht mehr ausgesetzt sein wollen. Die russische Politik in bezug auf die Juden wird nun 493

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.