Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 487 (sequence 15)
- Language
- German
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Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert Es ist «in merkwürdiger und dennoch dem Kenner der deutschen Zeitverhältnisse nicht unerklärlicher Widerspruch, daß ein in mancher Hinsicht edler und freiheitlicher Geist wie Graf Platen, der in seinen Polenliedern für die Sache eines unterdrückten Volkes mannhaft eingetreten war, bei der Einschätzung und öffentlichen Behandlung der jüdischen Glaubensgenossen noch völlig dem rückständigen Standesvorurteil des feudalen Junkertums tributpflichtig war. Da er die gewaltige kulturelle und soziale Reformation, die sich zu seiner Zeit im deutschen Judentum anbahnte, gänzlich übersah, glaubte er törichterweise den bisher im Verkehr mit den Juden beliebten Umgangston auch in seiner literarischen Sprache führen zu dürfen; gegen diesen Anspruch legte Heine ein für allemal Protest ein, wobei er mit richtigem historischen Instinkte in dem allgemeinen Zeitkampf zwischen der freiheitlich-liberalen Idee und der antisemitisch-klerikalen Reaktion die Hinlergründe des persönlich erbitterten Streites vermutete. Gewiß kommt zu dem persönlichen noch ein skurriler ästhetischer Gegensatz hinzu: jeder von den Gegnern wollte der echte „Klassiker" sein und stellte zu diesem Behufe den Antipoden als „Romantiker" hin; überdies hielt Platen, der hochbegabte Epigone des Goetheschen Altersstils, seine literarische Position in München durch den romantischen Neutöner Heine für bedroht, während Heine im Sinne seiner späteren Kunstanschauung es Platen verargte, daß er, der eigentlich triste und freudlose „Nazarener", sich als lebensheitern und realistischen „Hellenen" ausgebe. Somit bedarf der Prozeß Heine-Platen unseres Erachtens einer Revision; in unserem Zusammenhange ist vor allem der Hinweis unerläßlich, daß Heine sofort nach dem Bekanntwerden des Platenschen Pasquills die Absicht äußerte, für Immermann mit voller - Kraft einzutreten. Jedoch dies3r treue Freundschaftsdienst kam ihm schlecht zustatten, denn die öffentliche Meinung kehrte sich nicht daran, daß er der Angegriffene war, sondern erklärte sich mit einseitiger Heftigkeit gegen ihn, wodurch seine Stellung in Deutschland eine erhebliche Einbuße erlitt; besonders schmerzlich war es ihm aber, daß der „hohe Mitstrebende", um dessentwillen er eine solche Schmach erdulden mußte, seine Polemik gegen Platen als zu weitgehend empfand. Immermann nahm zwar die Zueignung des betreffenden dritten Reisebilderbandes entgegen, er lobte ferner mit feinstem kritischen Empfinden die realistische Psychologie der darin enthaltenen Schilderung Italiens; seiner geraden und vornehmen Natur war es weiterhin keinen Augenblick zweifelhaft, daß er dem 487