Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 486 (sequence 14)
- Language
- German
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Fritz Friedlaender gekränkt in seiner Komödie „Der romantische ödipus" nicht nur über den eigentlichen Angreifer Immermann die volle Schale seines oft unreinen Zornes ausgegossen, sondern auch Heine mit zahlreichen von Gemeinheiten strotzenden Angriffen antisemitischer Natur bedacht Die beiden Freunde, in denen der grollende Poet der „Ghaselen" die Häupter des ihm verhaßten literarischen Unwesens in Deutschland vernichtet zu haben vermeinte, waren bisher dem gräflichen Dichter durchaus nicht feindlich gesinnt, vielmehr, wie ihr Briefwechsel lehrt, von einem vorurteilslosen Interesse für seine Produktion erfüllt gewesen; nunmehr mußten sie notgedrungen zum Gegenschlage rüsten. Immermann antwortete mit der wenig gelungenen Streitschrift „Der in dem Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Kavalier", der man trotz, ihrer gewollten Grobheit das Unbehagliche an diesem aufgezwungenen Streithandel deutlich anmerkt, Heine jedoch führte in seinen ebenso geistreichen wie widerwärtigen „Bäder von Lucca" gegen den leichtfertigen Angreifer einen derart zertrümmernden Streich, daß demselben jede Erwiderung abgeschnitten war. Bei der Beurteilung dieses ob seines nichtigen Anlasses doppelt bedauerlichen Streitfalls hat die offizielle Kritik und Literaturwissenschaft, von einigen einsichtigen und höchst verdienstvollen Heine-Forschern abgesehen, mit rücksichtsloser Härte über Heine den Stab gebrochen, sie hat den „Romantischen ödipus" bei anmaßender Korrektur eines durchaus zutreffenden Goetheschen Urteils als ein Meisterwerk an Geist, Humor und Laune hingestellt und ist in ihrer falschen Vornehmtuerei an dem antisemitischen Gassenton des Grafen bedenkenlos vorbeigeglitten. Um so mehr ist es nicht zuletzt angesichts des aus Platens Nachlaß bekanntgewordenen Epigramms „An den Dichterling Heine" unsere Pflicht, zu erklären, daß die Züchtigung Platens keine unverdiente gewesen ist Man mißverstehe uns nicht, wir entschuldigen Heines polemisches Verfahren in der Wahl seiner Mittel an sich keineswegs, jedoch es handelt sich, wie bereits Heine richtig empfunden hat, „um Krieg des Menschen gegen Menschen"; weil Platen ihn an dem verwundbarsten Punkte, bei seiner jüdischen Abkunft angegriffen hatte, mußte er den Gegner an der seinerseits empfindlichsten Stelle, nämlich bei seiner geschlechtlichen Verirrung zu treffen suchen. Überhaupt ist es unzureichend, wenn man der von Eckermann überlieferten Äußerung des alten Goethe zufolge jenen ungeheures Aufsehen erregenden Streit nur als eine literaturgeschichtliche Affäre ansieht; er erschließt sich in seiner Problematik vielmehr erst dann, wenn er soziologisch betrachtet wird. 486