Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 485 (sequence 13)
- Language
- German
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Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert Heine erfreut Immermann durch das feinsinnige, auch vor gelegentlichem Tadel nicht zurückschreckende Urteil über seine Werke; es tut ihm wohl, dem Freunde eine zarte Aufmerksamkeit oder praktischen Beistand zu erweisen, sei es, daß er ihm Vorschläge zu literarischer Mitarbeit unterbreitet oder etwa eine entlegene Rezension seiner Werke ihm zukommen läßt, sei es, daß er nicht zuletzt zwecks der geplanten Herausgabe einer gemeinsamen Zeitschrift die für Immermann so wichtige Verbindung mit seinem eigenen Verleger Campe vermittelt „Es macht mir unsägliche Freude, dem Immermann bei solchen Gelegenheiten zu zeigen, wie sehr mir seine Interessen am Herzen liegen", so umschreibt Heine selbst sein Gefühl dem Freunde gegenüber, dem er zugleich vertrauensvoll sein Herz öffnet, wenn er ihm die für seine dichterische Gestaltung so bedeutungsvolle Liebe zum Meere als einem wahlverwandten Element — oder bereits im Oktober 1826 seine Absicht, Deutschland zu verlassen, mitteilt Dabei war ihr gegenseitiges Verhältnis viel zu innig und frei von konventioneller Höflichkeit, als daß ihr Urteil über den Wert der beiderseitigen Produktion die Sprache der aufrichtigen Überzeugung und des künstlerischen Gewissens hätte verleugnen müssen; als daher Immermann 1827 in den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik" seine kritische Meinung über den ersten Reisebilderband Heines freiweg heraussagte, indem er zwar das „energische Talent eines echten Dichters" pries, aber auch unerfreuliche Züge einer gewissen Manier feststellte, da verargte der getadelte Freund ihm dies offene Urteil so wenig, daß er gerade in den dritten Band seiner Reisebilder jene hymnische Paraphrase, die den Ruhm des Dichters Immermann glanzvoll verkündet, einrückte. Doch dieser Freundschaftsbund, der soviel des Guten und Schönen enthielt, blieb wie alles Menschliche nicht vor dem Einbruch des Bösen gesichert, denn er hatte einen der peinlichsten und verhängnisvollsten Vorfälle in Heines Leben zur Folge. Gemäß dem Vorbilde des Xenienkampfes, durch den Goethe und Schiller eine satyrische Säuberungsaktion unter dem deutschen Schrifttum ihrer Zeit vornahmen, hatte Immermann zu Heines Reisebildern eine Anzahl satyrischer, gegen die deutsche Literaturmisere gerichteter Epigramme beigesteuert; seiner Forderung einer auch Stoff mäßig nationalen Poesie entsprechend hatte er unter anderem die seit Goethes „Westöstlichem Divan" auf orientalische Motive eingeschworene Poesie der Rückert und Platen verspottet Hierauf hatte Platen, der — ein merkwürdiges Zusammentreffen — ebenfalls eine literatursatyrische Abrechnung mit der deutschen Mitwelt plante, schwer 33* 485