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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 484

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
Date
1928-12-01
Page
484 (sequence 12)
Language
German
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Fritz Friedlaender tenden Dichtergestalt" unter, jedoch auch in praktischer Hinsicht sucht er dem Freunde von Nutzen zu sein, indem er in der leidigen Verlegerangelegenheit ihm erfolgreichen Beistand leistet. Auf Grund dieses Entgegenkommens befestigt sich ihre Freundschaft in überaus herzlicher Weise; Immermann sendet Heine wunschgemäß sein Porträt, worauf er Heines „Tragödien" mit der Bitte um eine unparteiische Besprechung erhält: das gleiche unvoreingenomene Urteil nimmt Heine seinerseits ebenfalls in Anspruch, wenn er die metrische Verfassung von Immermanns Elegien freimütig tadelt Seine echte jugendliche Neigung, einen verehrten Freund über die eigene Person zu erheben, führt ihn in seiner Selbstentäußerung so weit, daß er seine eigene Poesie der Einseitigkeit anklagt, während Immermanns Werk ebenso wie Shakespeares Werk eine Welt sei; freilich schränkt er dieses vermessene Urteil durch die Feststellung ein, daß er sich leichter als Immermann konzentrieren konnte, weil er nur ein Stückchen Welt darzustellen habe; aufs schärfste lehnt er jedoch den Versuch ab, den Geist seiner Dichtungen aus der Geschichte des Verfassers zu erklären. „Ich ehre Sie und liebe Sie von ganzer Seele", so schließt Heine den diesbezüglichen Brief, worauf ihn Immermanri durch die Aufforderung, ihn in Münster zu besuchen, erfreut Die erste und wahrscheinlich einzige persönliche Begegnung beider Dichter fand im April 182 4 in Magdeburg statt; hier verlebte Heine auf einer Durchreise nach Berlin vier schöne Tage in Immermanns Nähe. Das Zusammensein verlief in voller Harmonie und ergab eine tiefe Übereinstimmung in allen menschlichen und künstlerischen Fragen. Immermann erschloß sich in seiner großherzigen Art rückhaltlos dem treuen Freunde, der an ihm besonders die gesammelte Kraft und Ruhe bewunderte, die ihm freilich durch einen gewissen Mangel an Jugendlichkeit bedingt schien. Beinahe überwältigt vernahm er von den gigantischen Plänen Immermanns, die sich namentlich in einem Zyklus von Hohenstaufendramen mit stofflicher Wucht aussprachen. Ihre gemeinsamen ästhetischen Anschauungen klärten sie in einer damals nur zu naheliegenden Unterhaltung über Goethe. Dieses durch unmittelbare Aussprache geförderte Einvernehmen blieb auch weiterhin gewahrt Während der unruhigen Wanderzeit der nächsten Jahre wird Heine nicht müde, überall und bei jeder Gelegenheil als Herold der Dichtergröße Immermanns aufzutreten; so groß ist seine Sehnsucht nach dem abwesenden Freund, daß auf den ragenden Höhen des Harzgebirges der Anblick der Silhouette des fernen Magdeburger Domes gleichzeitig die Erinnerung an den dort hausenden Gefährten in ihm wachruft. 484

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