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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 479

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
Date
1928-12-01
Page
479 (sequence 7)
Language
German
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Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert machte, konnte keinen schöneren Lohn finden als durch den Besuch, den der verehrte Mann ihr abstattete; jedoch die andächtige Bewunderung Goethes machte ihr unbestechliches Urteil dennoch nicht so einseitig, daß ihr ein Verständnis für .andersartige Dichtercharaktere versagt worden wäre. Tiefer blickend als ihr Abgott Goethe brachte sie einem mit der Welt und ihren Lebensbedingungen zerfallenden Genie wie Heinrich von Kleist ein mitfühlendes Herz entgegen; es gab wohl kaum einen Zeitgenossen, der das Unvermeidliche dieser Dichtertragödie so empfunden hätte, wie Rahel in dem erschütternden Briefe, den sie nach der Katastrophe an Alexander von der Marwitz schrieb: „... von Kleist befremdete mich die Tat nicht, es ging streng in ihm her, er war wahrhaft und litt viel. Wir haben nie über Tod und Selbstmord gesprochen." — Reich und mannigfach war der Kreis der Gestalten, der sich um die Verkündigerin der moralischen Freiheit und Wahrhaftigkeit versammelte, edle Freundschaft verband sie sowohl mit Friedrich de la Motte Fouque, in dessen dichterischem Geiste die deutsche Vorwelt für die romantische Literatur erobert wurde, als auch mit einem Schicksalsgenossen wie dem jungen Heine, dem Rahel durch die Richtung auf das Wesentliche einen Mittelpunkt gab; sie, die adlig-freie Aspasia ihrer Zeit, durfte der angeblich von Rasse und Blut gezogenen Schranke menschlichen Verstehens spotten. Ein jüngerer Bruder Raheis ließ sich von den Fluten der literarischen Bewegimg tragen, die seit August Wilhelm Schlegels bedeutenden Vorträgen in der preußischen Hauptstadt jeden Literaturbeflissenen umrauschten. Obwohl er in seinem Freundeskreise weiterhin als „der kleine Levy" bekannt blieb, hatte er sich den Namen Ludwig Robert an Stelle seines ursprünglichen Familiennamens Levin beigelegt; der üblichen Kaufmannstätigkeit überdrüssig, schulte er sich durch philosophische Studien und erprobte sein geringes poetisches Talent Außer ihm befand sich in dem Kreise junger aufstrebender Talente, der unter Führung von Chamisso und Varnhagen von Ense am Anfang des Jahrhunderts sich literarisch betätigte, Johann Ferdinand K o r e f f, ein mit literarischer Neigung und dichterischem Geschick begabter Arzt jüdischer Herkunft Gleichfalls jüdischer Abstammung war der literarische Unternehmer dieser sogenannten Nordsterngruppe, Julius Eduard Hitzig, ein Mann von ungewöhnlicher Intelligenz und vielseitiger Begabung: Jurist, Verlagsbuchhändler, Redakteur, Übersetzer und namentlich Literaturhistoriker in einer Person. Wir 479

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