Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 478 (sequence 6)
- Language
- German
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Fritz Friedlaender stischen Systeme gestanden; ja, es ist nicht zuviel behauptet, wenn man sagt, daß in der Epoche Heines fast alle jüdischen Akademiker vorübergehend Hegelianer gewesen sind. Das junge jüdische Geschlecht befand sich somit in der Situation des Lernenden und Empfangenden, aber bereits in der Gestalt Börnes entrichtete es seinen Lehrmeistern einen überreichen Zins. War es doch bezeichnend, daß Börnes herrliche „Denkrede auf Jean Paul" einer Persönlichkeit galt, die als eine der ersten den jüdischen Charakter als ebenbürtig erkannt hatte; jedoch bevor noch ein Schriftsteller wie Börne zur Wirkung gelangte, besaß das deutsche Judentum ein kostbares Gut in dem Gemütsreichtum der jüdischen Frau. Soeben erst, da die Dokumente vollständig vor uns ausgebreitet sind, können wir ermessen, was die Tochter Moses Mendelssohns, Dorothea Veit, an der Seite ihres nachmaligen Gatten Friedrich Schlegel erlebt und erlitten hat; eine solche Frau besaß die Kraft, sogar das absprechende und widerwillige Urteil der Zeit in ehrendes Lob zu verwandeln, denn es charakterisiert den Stimmungswechsel eines beträchtlichen Teils der deutschen Öffentlichkeit, wenn ein rigoristischer Ethiker wie Fichte der moralischen Größe jener Frau folgendermaßen huldigte: „Das Lob einer Jüdin mag aus meinem Munde besonders klingen. Aber diese Frau hat mir den Glauben, daß aus dieser Nation nichts Gutes kommen könne, benommen. Sie hat ungemein viel Geist und Kenntnisse, bei wenig oder eigentlich keinem äußern Glänze, völliger Prätentionslosigkeit und viel Gutherzigkeit Man gewinnt sie allmählich lieb, aber dann von Herzen." So verehrungswürdig Dorotheas opferwillige Hingabe an das Genie ihres Mannes wirkt, es tritt doch zurück vor der zeitbewegenden seelischen Macht der Rahel Varnhagen. Schon weil sie war, nahte man ihr mit Dank, — denn es ist völlig abwegig, wenn man annimmt, daß die tiefe und reife Seele dieser Frau, die keinerlei literarischen Ehrgeiz hegte, ihres vielberufenen Salons als eines Ausdrucksorgans bedurfte, gleich als ob sie nicht durch ihre bloße Existenz die eigentlich sokratische Kunst geübt hätte, einen jeden, der ihr begegnete, zur individuellen Besinnung über sich und seine Umwelt zu führen. „Du weißt", schreibt Rahel an Varnhagen, „im Leben hab' ich noch keine Bekanntschaft gesucht, als eine, der mehr an mir, als mir an ihr liegen mußte." Diese selbstlose und in der Verehrung des Schönen und Heroischen fast demütige Frau besaß den berechtigten Stolz einer sorglos sich verschenkenden Natur 1 Ihr steter Hinweis auf Goethe, der neben Bettinas und der anderen Romantiker Bemühungen den Dichter in der deutschen Intelligenz erst heimisch 478