Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 477 (sequence 5)
- Language
- German
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Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert spricht so ernst, sanft und gelassen und geordnet, hört so gern und natürlich zu, daß ich nie geglaubt hätte, es sei Richter.1) Und blond ist er! ,Sie sind es nicht 1' möcht ich immer zu ihm sagen. Das reizt mich nur noch mehr, denn nun ist er Richter und hat die neuen rührenden Eigenschaften noch obenein.:" Emanuel entrichtete der Freundschaft mit dem verehrten Manne den gebührenden Zoll, indem er seine gereiftere Lebenspraxis dem wenig welterfahrenen Dichter zugute kommen ließ. In wichtigen geschäftlichen Dingen war er sein Berater, er versorgte ihn u. a. mit Kleidung und mit Schreibmaterialien; als der Freund in Meiningen und in Koburg weilte, sandte er ihm das würzige Bayreuther Bier zu, dessen der Dichter zur Beflügelung seines Schaf fens bedurfte. Ein gastfreier Sinn gab dem Gemüte Emanuels ein besonderes Gepräge: in seinem Bayreuther Hause hatte er ein besonderes Jean Paul-Stübchen eingerichtet, das blaue Stübchen genannt, in dem sich der Dichter inmitten ausgesuchter Bequemlichkeit ganz heimisch fühlte; im Jahre 1799 war der Sohn Herders dort ein gern gesehener Gast, wofür der Vater ergriffen dankte. Die Freundschaft zwischen Emanuel und Jean Paul erreichte ihren Höhepunkt, als letzterer nach seiner Verheiratung in Bayreuth seinen Wohnsitz aufschlug: in fast täglichem Verkehr, auf gemeinsamen Spaziergängen und Reisen genossen sie einander, ihre Geburtstage feierten sie durch die Überreichung sinniger Geschenke; Emanuel blieb außerdem als Taufpate der Familie des Freundes verbunden. In seinem einundfünfzigsten Lebensjahre verheiratete sich Emanuel, der bis dahin bei seinen Eltern wohnte; seine Ehe war harmonisch und mit Nachwuchs gesegnet Wenn auch wenige Jahre vor Jean Pauls Tod die Beziehungen zwischen beiden Freunden sich etwas lockerten, so wurde dennoch zu Anfang des Jahres 1825, in dem der Dichter starb, der Bund neu befestigt Wie Jean Paul seinen Freund einschätzte, geht aus einer brieflichen Äußerung an einen jüdischen Zeitgenossen hervor: „Ich habe einen Freunid unter Ihrer Nation, Emanuel in Bayreuth, mit dem ich wenige Freunde aus der meinigen vergleichen kann, moralisch vollendet, stark und weich, tätig und denkend, unerschütterlich und tolerant, für die Erde und den Himmel gemacht" Besonders die umwälzende Philosophie der Zeit war es, die den Entdeckertrieb der jüdischen Intelligenz in ihren Bann zog. Von Markus Herz, dem Schüler und Freunde Kants, an haben mehr oder minder alle jüdischen Geistigen der neuen Generation unter dem Eindruck der Schulen der idealix) Jean Pauls bürgerlicher Name. 477