Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Gustav Landauer zum Gedächtnis
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 471 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Landauer zum Gedächtnis Weil die Vereinigung von Herz und Hirn in das Sinnlose den Sinn gelegt hat Der heilige Ernst dieser Aufgabe erkannte die Kluft nicht an zwischen dem besseren Wissen und der Unzulänglichkeit des Lebens- Es gab keinen Zwiespalt heiter resigniert zu überbrücken. Darum wird man in Landauers Schriften bei allem Spott und feiner Ironie den Humor vergeblich suchen. Landauer war ein Menschentyp, der wenig geachtet wird, weil er auf alle achtet; dem Unbeständigkeit der Meinungen vorgeworfen wird, wo doch eine Gesinnung herrscht; der aufgeregt und ruhelos gescholten wird, weil er leidet unter den Gemeinheiten des Alltags, an die er sich nicht gewöhnen will. Ein Mensch, der sich mit jeder kleinsten Handlung als mit einer Gewissensfrage quält; der blinder Schwärmer heißt, weil das grenzenlose Herz sich seine Kindesfrische bewahrte. Er sagt einmal: „Wir müssen wieder lernen, daß starke Männer und starke Zeiten sentimental sind". Sein Leben war im höchsten Sinne sentimental Nur noch aus seinen Schriften weht, uns sein Atem entgegen. Sein „Aufruf zum Sozialismus" und der Aufsatzband „Der werdende Mensch" sind Lebensbücher, an denen kein Denkender vorüber gehen sollte. Und doch war das stürmische äußere Leben nur ein Widerschein der von innerer Tragik durchtobten Brust Nicht besser als mit seinen eigenen Worten, die er von Brutus sagt, kann sein zwiespältiges Wesen wiedergegeben werden: „Das ist der ungeheure Zwiespalt:' er ist von Haus aus eine private Natur, die aber ihrer adeligen Anlage nach privat zu sein nur ertrüge, wenn draußen die Menschen frei und glücklich wären. Er ist der Politiker, der aus der Philosophie in die Politik kommt; aber aus einer Philosophie, die mit seinem Leben verwachsen ist--aus einem stillen, sanften, aber nahen Sinnen heraus kommt er zur Aktivität--. Er vereinigt Beschaulichkeit und Heroismus". — Diese private Natur mußte in der Welt allein bleiben und ihr unterliegen, weil sie bei ihren Gegnern ebenbürtige geistige Waffen voraussetzte, anstatt der rohen Gewalt der Wirklichkeit Dieser Geist barg aber auch die Qual der Einsamkeit in sich, aus der bald Menschenverachtung, bald die vergeblichste Menschenliebe quillt Landauer hat selten davon gesagt, daß ihm in seinem Deutschland keine Menschen seines Gleichen leben, daß er ein der „schweigenden Vereinzelung zugekehrter" geworden ist; daher wohl auch seine tiefe Liebe zur Musik rühren mag. Das ist die einsame Not der Vorauseilenden, die ohne Gefährten sind, das Leid der jenseits der Grenzen Wandernden; das ist auch die 47t