Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Gustav Landauer zum Gedächtnis
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 470 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Detlev Loewenberg nehme ich hin, wie sie sind, und mein Deutschtum und Judentum tun einander nichts zuleid und vieles zulieb. Wie zwei Brüder, ein Erstgeborener und ein Benjamin, von einer Mutter nicht in gleicher Art, aber im gleichen Maße geliebt werden, und wie diese beiden Brüder einträchtig miteinander leben, wo sie sich berühren und auch, wo jeder für sich seinen Weg geht, so erlebe ich dieses seltsame und vertraute Nebeneinander als ein Köstliches und kenne in diesem Verhältnis nichts Primäres oder Sekundäres. Ich habe nie das Bedürfnis gehabt, mich zu simplizieren oder durch Verleugnung meiner selbst zu unifizieren; ich akzeptiere den Komplex, der ich bin, und hoffe noch vielfältiger eins zu sein als ich weiß. Da ich aber jetzt lebe und wirke, also auch aJs Jude jetzt bin und tue, was zu tun mir obliegt, kann ich mich innerlich nicht auf eine Sache bereiten wollen, kann den Willen zu einer neuen Vorkehrung nicht in mir finden, die einen Teil meines Wesens auslöschen oder hemmen würde. Nur Gewordenwerdendes lebt; nur wer in seiner Gegenwart und Wirklichkeit Vergangenheit und Zukunft in eins begreift, nur wer sich selber, wie er wahrhaft und ganz ist, mitnimmt auf die Reise nach seinem gelobten Land, in dem nur scheint mir das Judentum ein lebendiges Gut zu sein. Die Nationen, die sich zu Staaten abgegrenzt haben, haben draußen Nachbarn, die ihre Feinde sind, die jüdische Nation hat die Nachbarn in der eigenen Brust, und diese Nachbargenossenschaft ist Friede und Einheit in jedem, der ein Ganzer ist und sich zu sich bekennt Sollte das nicht ein Zeichen sein des Berufs, den das Judentum an der Menschheit, in der Menschheit zu erfüllen hat?" („Der werdende Mensch" Seite 125—128.) Zweifellos hätte ihn die machtvoll nach dem Krieg einsetzende nationaljüdische Bewegung der Verwirklichung, der Siedlungen nach seinen Grundsätzen, tief bewegt, aber die Absonderung in Sprache und Nation hätte ihn wohl kaum je, wie manche wollen, zum unbedingten Zionisten werden lassen. Er hätte dann auf sein deutsches Blut verzichten müssen, das ihm mit seinem Judentum den Weg zum dritten Reich wies, zum Menschentum Soll man trauern, daß die besten Juden, die Lassalle, Rathenau und Landauer sich für andere opferten, die sie gar nicht wollten, die sie erschlugen? Ihr Leben war ihre Antwort auf diese Frage, sie hörten nur eine Stimme: „Zeit urbar machen". (Lichtenberg.) Alle Rätsel, alle Qualen unserer Zeit haben Landauers Augen geschaut und alle Rätsel und Qualen blicken uns geklärt aus den dunklen Augen wieder an: 470