Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Gustav Landauer zum Gedächtnis
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 469 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Gustav Landauer zum Gedächtnis Oberflächlichkeit behandelt worden ist In einem Brief fordert er die zurzeit noch nicht einmal vorhandenen Grundlagen zu einer Wissenschaft von den Nationen. Er weitet den Begriff der Nationen über Sprach- und Staatsgrenzen hinaus und spricht von einer Nation der dreisprachigen Schweizer, einer Nation der Bildhauer, einer Nation der Katholiken, Protestanten und Juden. Eindringlich warnt er vor den törichten Vergleichen, die höchsten Geister als Vertreter des eigenen Volkes, dem Abschaum fremder Nationen gegenüberzustellen, ein allen Völkern und Religionen gemeinsamer Fanatismus. Ein Genie sei nicht das bisherige Wesen, sondern Aufgabe, Ziel einer Nation. Ihm geht es nicht so sehr um die Judenheit, als um das Judentum, mit dem er sich mit folgenden Worten auseinandersetzt: „Nation sein heißt ein Amt haben, und wo mein Amt ist, da ist mein Vaterland. Haben wir Abgesprengte, als unser Judentum den Dienst an der Umwandlung der Gesellschaft, an der Begründung neuen Volkes und allererst neuer Menschheit entdeckt, haben wir gefunden, daß wir, im Suchen nach unserem inneren Wesen, der grenzenlosen und schrankensprengenden Erneuerung der Völker durch die Abstreifung oberflächlicher Gewaltbeziehungen und die Durchsetzung echter freudig-liebevoller Gemeinschaft begegnet sind; haben wir staunend und beglückt als das urältest in uns Versenkte nichts anderes als all die ungeheuer mächtigen und innigen Triebkräfte der Reinigung zum Licht gehoben, — wer, der so weit ist,, wer also, der der Dumpfheit entronnen, sich selbst vor Augen sieht und in der Hand hält als einen, der soll und will, wer wollte da nicht als den Ort seines Wirkens die Welt erkennen und als seine Weit die Gegenwart, in der es zu wirken gilt? Kein rechter Mensch vermag es, sich nur als Brücke für kommende Geschlechter, als Vorbereitung, als Same und Dung zu wissen; er will selber etwas sein und leisten. Mag sein, daß die Muttersprache irgendwelcher aus meinen Lenden entsprossenen Nachkommen hebräisch sein wird; es rührt mich nicht; meine und meiner Kinder Sprache ist deutsch. Mein Judentum spüre ich in meiner Mimik, in meinem Gesichtsausdruck, meiner Haltung, meinem Aussehen, und so geben diese Zeichen mir die Gewißheit, daß es in allem lebt, was ich beginne und bin. Weitaus mehr aber — sofern es da ein Mehr gibt — als Chamisso, der Franzose, ein deutscher Dichter war, bin ich, der ich ein Jude bin, ein Deutscher. Deutscher Jude oder russischer Jude — diese Ausdrücke empfinde ich als schief, ebenso wie jüdischer Deutscher oder Russe. Ich weiß da von keinem Abhängigkeits- oder Adjektivitätsverhältnis; die Schickungen 32* 469