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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 468

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Gustav Landauer zum Gedächtnis
Date
1928-12-01
Page
468 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Richard Detlev Loewenberg Seineil Glauben an die Erweckung des Volkes kleidete er einmal in das folgende Bild: „Es ist der erstaunlichste und — man mißverstehe mich nicht! — der erfreulichste Anblick, wenn man einen verwitterten Bauern, dem die Dumpfheit aus den Augen sieht, zusammen mit seinem Sohn, dem geistlichen Herrn, sieht. Welche Veränderung in welcher Gleichheit; wie hat das bißchen Geist und das Eintauchen in jahrtausendalte Tradition die alte, ungebrochene Bauernkraft geadelt" Das übervolle Herz glaubt daran allen taglichen schmerzlichen Enttäuschungen zum Trotz und bedarf keiner Zeugen. Dennoch ist es glücklich, sich in den großen Menschen anderer Zeiten wiederzufinden. Schier verdächtig überraschend spürt Landauer gerade sein eigenes Inneres auf, bei Goethe, bei Hölderlin, bei Strindberg und anderen Dichtern und Denkern. (Schiller, dem er so sehr glich in der Besessenheit von der Gewalt der Idee, scheint er nicht sonderlich geliebt zu haben.) Und dennoch tut er seinen Göttern keine Gewalt an, deutet nichts hinein, sondern lehrt uns nur sehen, wozu unsere Augen zuvor nicht taugten. So konnte Stefan Zweig von Landauers Vermächtnis, seinen Shakespeare- Vorträgen, rühmen: „Er hat mir Tiefen gezeigt, die ich nicht kannte, Zusammenhänge, die ich nicht vermutete." Gab Shakespeare uns die Welt noch einmal, so gab uns Landauer seine Welt noch einmal zusammengefaßt und geläutert in diesem letzten Werk. Erschütternd schildert er im Brutus seinen eigenen tragischen Untergang voraus. Wer vermöchte da noch, ihn der Einseitigkeit zu bezichtigen, dieser Gefahr, der so leicht gerade ästhetische Naturen verfallen. Wie klar er sich selber darüber war, zeigen seine Worte, die ihn allein schon liebenswert und selten machten: „Wär ich aus Religion oder Verständigkeit Vegetarier, so würde ich bloß darum ab und zu Fleisch essen, weil ich kein Dogmatiker sein will." Und ein andermal spottet er über die Patentparadiese: „Sorge jede Generation recht nachdrücklich für das, was ihrem Geist entspricht, es muß auch noch später Grund zu Revolutionen geben." Vom Juden Landauer wurde noch nichts gesagt, aber wer hat aus allem nicht schon das glühende Herz der alten Propheten schlagen hören. Man möchte schweigen vom Selbstverständlichen und darum soll auch hier nur seine Stellung zum jüdischen Problem berührt werden. Ihm ist es nur ein Teil des unendlich verwickelten Nationalitäten-Problems, das von jeher mit der größten 468

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