Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Gustav Landauer zum Gedächtnis
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 467 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Landauer zum Gedächtnis im Irrwahn heutiger Narren alles aus sich, dem Nichts, stampfen zu können, geht er an die Aufgabe, die Revolution vorzubereiten. Er gründet den sozialistischen Bund mit seinen Siedlungen. Zeigt im Anschluß an Proudhon praktische Wege in allen Einzelheiten. Sein Ideal ist der Zusammenschluß kleinster Bünde inmitten der umgebenden kapitalistischen Welt, ausgehend von der Urzelle, der Ehe und der Familie, deren Zukonftswert er sehr hoch hält Als Vorbild erscheint ihm die frühmittelalterliche Welt der Körperschaften und Innungen, jener Zeit der angeblich gleichmäßigen Güterverteilung. Die neuen Mustergemeinschaften, so hoffte er, könnten schließlich auf vorläufig friedlichem Wege das ganze Land durchsetzen, durchdringen und revolutionieren. Mußte schon die Möglichkeit seiner Gedanken in unserem Zeitalter fraglich genug erscheinen, so war er sich selber auch klar genug, daß es an jeglicher Bereitschaft fehlte. „Keine Schicht der Bevölkerung wüßte, wenn es heute zur Revolution käme, weniger was zu tun ist als das Industrieproletariat" Keiner hörte ihn, und kurz vor seinem Tode schrieb er, der jahrelang den Wellkrieg vorausgesehen hatte, rückschauend auf sein Kassandra-Schicksal: „Mit wahrhaft grenzenloser Bitterkeit spreche ich aus, es zeigt sich, daß ich in allem wesentlichen Recht hatte mit dem, was ich vor langer Zeit gesagt hatte." Heute drängt sich die Frage auf, was hätte Landauer von Rußland gedacht mit seinem doktrinärsten Marxismus und seiner Roten Armee. Vielleicht hätte er geantwortet mit Lavater, dessen Mahnung an die französischen Tyrannen er in seiner Sammlung der Briefe aus der französischen Revolution besonders anführt: „Seitdem ihr den Dolch in der Hand zur Freiheit zwangt, seitdem ihr die bewegliche Kopfmaschine an die Stelle der Bastille setztet, seitdem man nichts mehr sagen oder schreiben darf, was man unter den despotischsten Königen sagen und schreiben durfte, seitdem zitlre ich, wenn ich euch von Freiheit reden höre ... Ihr wollt den Despotismus durch den Despotismus zerstören und durch Tyrannei zur Freiheit führen. Ich: ich führe diese Freiheit in meinem kleinen Kreise wenigstens, in meinem Kirchensprengel, und in meinem Hause durch nichts ein als durch die Vernunft, die nicht befiehlt, und durch beständige Aufopferungen alles dessen, was man Autorität nennt" Aber es gibt auch ein Rußland mit seiner gewaltigen Arbeit, das Volk zu lehren, zu vergeistigen. Wieviel davon gerade Landauer, der sich doch der Masse entrückt empfinden mußte, erwartete, zeigt seine rege Mitarbeit an der Berliner Volksbühne, der er seine begeisterte Theaterleidenschaft widmete. 32 467