Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Gustav Landauer zum Gedächtnis
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 466 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Detlev Loewenberg zu fühlen, die Lust zum Ohnestaat in sich zu wecken und zu erkennen, daß es zwischen Staaten keinen Frieden geben kann und der Krieg nur zu bekämpfen ist durch Verleugnen des Staates. Deutlich findet sich schon in der Bibel der Übergang vom Reich Gottes, von der Herrschaft des Geistes zur Macht des Königs, zur Tyrannei des Staates: „Und Samuel sagte alle Worte des Herrn dem Volk, das von ihm einen König forderte, und sprach: Das wird des Königs Recht sein, der über euch, herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen zu seinem Wagen und zu Reitern, und daß sie vor seinem Wagen her laufen, und zu Hauptleuten über tausend und über fünfzig und zu Ackerleuten, die ihm seinen Acker bauen, und zu Schnittern in seiner Ernte, und daß sie seine Kriegswaffen und was zu seinen Wagen gehört, machen. Eure Töchter aber wird er nehmen, daß sie Salbenbereiterinnen, Köchinnen und Bäckerinnen seien. Eure besten Äcker und Weinberge und ölgärten wird er nehmen und seinen Knechten geben. Dazu von eurer Saat und euren Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Knechten geben. Und eure Knechte und Mägde und eure schönsten Jünglinge und eure Esel wird er nehmen und seine Geschäfte damit ausrichten. Von euren Herden wird er den Zehnten nehmen, und ihr müßt seine Knechte sein. Wenn ihr dann schreien werdet zu der Zeit über euren König, den ihr erwählt habt, so wird euch der Herr zu derselben Zeit nicht erhören. Aber das Volk weigerte sich, zu gehorchen der Stimme Samuels, und sprachen: Mitnichten, sondern es soll ein König über uns sein, daß wir auch seien wie alle Heiden, daß uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe." (Samuel I, 8. 10—20.) Landauer begründet seinen Anarchismus im „Aufruf zum Sozialismus", der auch Aufruf zum Gewissen oder zur Religion heißen könnte, ferner in den Aufsatzbänden „Rechenschaft" und „Beginnen". So wird unter Landauers Händen Sozialismus etwas völlig Neues, das mit dem landläufigen Begriff nur noch den Namen gemein hat. Man hört nichts mehr von der überreifen Frucht des Kapitalismus, die den Enterbten wie ein Wunder in den Schoß fällt, ohne daß sie selber dafür etwas täten. Für Landauer kann die Überwindung des Ungeistes nur durch den Geist kommen, nicht morgen und irgendwo, sondern heute und hier durch das Beginnen, die Tat; erst nach der Revolution nach innen, die Revolution nach außen. In der Vereinigung des Ältesten und Neuesten, d. h. im Besitz des gewaltigen Erbes der vergangenen und heutigen Kulturen wie wenige, nicht aber 466