Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Gustav Landauer zum Gedächtnis
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 465 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Landauer zum Gedächtnis Von dem Skeptiker und Mystiker, von dem feinen Einfühler und Deuter der Dichter soll hier nciht gesprochen werden, — sondern von dem Kämpfer für eine bessere Wirklichkeit, dessen Werke Abwandlungen sind zu dem Thema der Sehnsucht nach der wahrhaft-menschlichen Gemeinschaft, die nur aus dem Geiste kommen kann. Seine Wege sollen geschildert, nicht beurteilt werden. Dabei ist zuvor wohl denkbar, daß manchen Naturen diese Geistes- und Weltanschauungsrichtung zutiefst zuwider ist; daß als Unnatur das rastlos wühlende Literatentum verworfen wird; daß manches Ohr die Fülle der Reden haßt, hinter denen nicht immer wie bei Landauer auch das Leben steht, und daß manche adelsstolze Seele keine Verpflichtung zur Masse anerkennt, die die schreckliche Buntheit der Welt des Grausens und Quälens als ein Schauspiel betrachtet, zu dem sie geladen ist Aber nur der hat ein Recht, gegen Landauer seine Stimme zu erheben, der die gleiche geistige Kraft und Tiefe besitzt, nicht aber wer mit den Machtmitteln des Staates kämpft Zu einer Zeit, da sich die deutsche Bildungsschicht im Glanz des Kaiserreiches sonnte, empörte sich Landauers Inbrunst gegen die Schmach des kapitalistischen Lebens. Auf der einen Seite verfolgt von den Behörden des Staates stand er andererseits im schärfsten Kampf mit der sozialistisch doktrinären Parteiauffassung; hatte er doch schon 1896 den gefeierten alten Liebknecht einen „siebenfachen Lumpen in poiiticis" gescholten. Denn Landauer sucht die Verantwortung für die heutigen Zustände nicht in der materialistischen Wirtschaftsordnung, sondern in ihrem Geist, unserm Ungeist Wir sind die Schöpfer der Wahngebilde, die uns als Staat und Geld knechten. Durch Mauthners Kritik der Sprache, die an bisher Unangetastetes rüttelte, hatte Landauer die tiefe Begründung gefunden, mit der er den Aberglauben in jeder Form bekämpfen konnte. In seiner Schrift Skepsis und Mystik suchte er diese Erkenntnisse weiter zu bilden: Daß alle tatsächliche Unterdrückung zuletzt von den Begriffen und Ideen ausgeübt wird, die respektiert und heilig genommen werden und doch Hohlheiten sind, daß alle Gegensätze nur Widersprüche innerhalb der Sprache sind, daß alles Geglaubte nur ein Wort und daher Unwahrheit ist So haben wir das Geld zu dem Götzen gemacht, der unsterblich geworden ist, indem wir ihm unser Leben abtraten; so ist auch der Staat unser Geisterzeugnis, den wir denken und doch fortdenken sollten. Es gehört zunächst Überwindung dazu, den zur zweiten Natur gewordenen Staatsbegriff als Begriff 465