Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Gustav Landauer zum Gedächtnis
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 464 (sequence 3)
- Language
- German
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Richard Detlev Loewenberg obwohl sie ihn nie verließen, mußte er (früher verkaufte er Bücher), nun vor reichen Berliner Damen literarische Vorträge halten; aber auch da verbarg er nicht sein innerstes Wesen. Geflüchtet und vertieft in Shakespearestudien, die nach seinem Tod als sein bestes Buch der Einfühlung erschienen, kam die Revolution, die er sein Leben lang in sich gelebt und fürs Volk ersehnt hatte. Nach der Ermordung Eisners wurde er in der Räteregierung Aufklärungsminister, nach dem Sturz des Zentralrats zog er sich zurück. Inmitten unreifer Wirrköpfe warnten zwei Geister der Einsicht, Blut zu vergießen: Toller und Landauer; sie mußten scheitern in der merkwürdigsten Stadt Deutschlands. Die Reichswehr rückte ein, Landauer, der nicht mehr der kommunistischen Regierung angehörte, wurde aufgegriffen und vom Volks¬ und Soldatenpöbel erschlagen, einen Tag nach der Maifeier 1919. So schritt der schwarzbärtige, hagere Mann schritt durch das Leben, wie so viele Stürmer und Dränger lungenkrank. Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande. Gibt es denn noch Propheten, war er einer? Wo sind sie geblieben die Seher und Künder, die aufstehen aus dem Volke? Diese Frage zeigt, daß wir noch blind und taub sind wie einst die alten Völker. In den Formen unserer Zeit leben noch die alten Urkräfte; bei aller Verschiedenheit bilden sie eine Reihe: Rousseau, Tolstoi und auch Landauer: Besessene, Seher, Verfolgte, Einsame. Ein feines Anzeichen, das die wahren von den falschen Propheten trennt, ist der StiL Nur wem das Herz glühend schlägt, nur der hat den eigenen Puls der Sprache, die dem geübten Ohr sofort den Urheber erkennen läßt Es gibt keinen Propheten ohne eigenen StiL Landauers Stil ist vorwiegend rednerisch, lehrhaft, klug und heiß, Kopf und Künstler, Aufschwung und Bedacht Jedes Wort trifft, denn Landauer hat immer die Sache. — An einigen wesentlichen Beispielen soll nunmehr ein Bild seiner Lehre gegeben werden, die durchaus, bei aller Buntheit, der Ausdruck eines einheitlichen Wesens ist Zwar war Landauer Sozialist und Anarchist, Philosoph und Mystiker, Deuter und Dichter, Jude und Deutscher, aber der Zwanzigjährige sagt schon: „Ich schwanke nicht von einem zum andern, in mir sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll ist nur das Wort, nicht das Leben." So kennt er keine Trennung von Lehre und Leben, weil er ein Herz hat „für die Lebendigkeit und den innersten Kern unseres menschlichen Lebens". 464