Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Gustav Landauer zum Gedächtnis
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 463 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Detlev Loewenberg: Gustav Laadauer zum Gedächtnis gezeigt, daß er berechtigt war zu seiner Lehre, von der später noch zu sprechen ist Seine erste Erzählung stammt aus dem Anfang der neunziger Jahre, als der Karlsruher Kleinbürgerssohn, zerfallen mit seinem Elternhaus, in Berlin Philosophie und Literatur studierte und in den Strudel der frühen radikalen sozialistischen Bewegung mitgerissen wurde. Trotz aller Gärung war sein stürmischer Geist in sich fertig, so daß vom äußeren Leben wesentliche Wandlungen nicht zu erwarten waren. Schon als Primaner schildert er sich später als einen Vereinsamten im Gegensatz zur umgebenden Gesellschaft, erfüllt von Ibsen und Nietzsche, die in ihm nicht nur den Träum von der Schönheit, sondern auch die Lust zur Verwirklichung weckten, so daß er schon unbewußt Anarchist war, ehe er etwas vom Sozialisten wußte. So hätte vorausgesagt werden können, daß der Dränger überall mit der trägen Umwelt zusammenstoßen mußte. Und so geht es Schlag auf Schlag: Überstürzt heiratet er eine junge Arbeiterin, wird elf Monate ins Gefängnis geworfen wegen einer entgleisten Brandrede auf die Mörder des französischen Präsidenten Carnot. Später nochmals sechs Monate, weil er sich zu scharf für einen angeblich unschuldig verurteilten Gattenmörder eingesetzt hatte. In beständigem Kampf mit seiner Partei leitet er vorübergehend die Zeitschrift „Der Sozialist". Nach Trennung von seiner ersten Frau heiratet er die feinsinnige Übersetzerin und Dichterin Hedwig Lachmann, mit der er eine glückliche Ehe führte In seinem einzigen Novellenband: Macht und Mächte scheint sich der Niederschlag der seelischen Nöte zu finden, die er in seiner Liebe erlitten hat. Die Novellen erschüttern als schonungslose Beichte, das verwirrte Gefühl zergliedert sich erschreckend klar und logisch, in dem es sich Strindbergisch quält: „Wir sind Menschentiere und möchten unser Fleisch in blutige Fetzen reißen, weil wir Höheres wissen, als wir sind." Die Erzählungen sind aber keine gestalteten Kunstwerke, eben weil der Abstand fehlt Bei aller Phantasie fehlt dem Dichter Landauer das, was Goethe die Phantasie für die Wirklichkeit des Realen nennt, die uns in Hermann und Dorothea oder in den Seidwyler Novellen so überrascht, daß wir glauben, ein ganz bestimmtes Städtchen müsse als Vorbild gedient haben. Denn Landauer war nicht Dichter, sondern ein Kämpfer und Seher. Er hatte im tauben Glanz des kaiserlichen Reiches unaufhörlich vor dem nahenden Kriege gewarnt, den er als Alp fühlte. Sein Band „Rechenschaft" tut es grausig kund. Der Krieg kam. Aus Brotsorgen, an die er immer zuletzt dachte, 463